Wilde, der Außenseiter

aus dem Programmheft "Oscar Wilde - ein Film von Brain Gilbert"

Auch auf dem Gipfel seines Ruhms, also Mitte der neunziger Jahre, war Oscar Wilde nie wirklich in die Londoner Gesellschaft integriert, und er blieb, verfemt wegen seiner Homosexualität, ein Außenseiter bis zu seinem Tode. Anfangs war es seine irische Herkunft gewesen, die ihn unterschied. Sein Vater, William Robert Wilde (1815-1876), war ein hervorragender Dubliner Chirurg und ein Mann mit weitgefächerten wissenschaftlichen Interessen, darunter Naturkunde und Ethnologie, den Queen Victoria 1864 in den Ritterstand erhoben hatte. Doch als sich Oscar O'Flahertie Wills Wilde in London niederließ, bald darauf gefolgt von seiner verwitweten Mutter und seinem Bruder Willie, musste er feststellen, dass ihm sein Akzent, sein extravaganter Stil und seine Bereitschaft, den Status Quo in Frage zu stellen, nicht überall Freunde machte.

Lady Wilde (1821-1896) hatte einen enormen Einfluss auf ihren Sohn, wie Produzent Marc Samuelson bestätigt: "Sie war eine außergewöhnliche Erscheinung auf dem gesellschaftlichen Parkett, zugleich eine bedeutende Streiterin für die irische Sache und auch eine recht bemerkenswerte Schriftstellerin, die das Pseudonym Speranza verwendete. Die Beziehung zu ihrem jüngeren Sohn war außergewöhnlich intensiv. Nachdem Oscar den ersten Prozess verloren hatte, rieten ihm viele seiner Freunde, außer Landes zu gehen, aber Speranza sprach die berühmten Worte: ‘Wenn du bleibst, selbst wenn du ins Gefängnis musst, wirst du immer mein Sohn sein. Aber wenn du gehst, werde ich nie wieder mit dir sprechen!’

Julian Mitchell unterstreicht ebenfalls ihre Bedeutung für Oscars Geschichte. "Die drei Menschen, die sein Leben wirklich beeinflusst haben, waren seine Mutter, Bosie und Robbie Ross. Ein Ire zu sein, ein Homosexueller zu sein, das machte einen damals automatisch zum Außenseiter, zum Beobachter der Gesellschaft. Außerdem war er natürlich ein Emporkömmling. Eine der gehässigsten Bemerkungen, die ihm Bosie an den Kopf zu werfen pflegte, war, dass Wilde ständig über die Upper Class schreibe, ohne sie jedoch wirklich zu kennen."

Wildes geschliffener Witz wurde von bestimmten Kreisen der Gesellschaft als Bedrohung empfunden, wie Stephen Fry betont: "Die Leute argwöhnen immer, dass etwas, das komisch ist, nicht wahr sein kann - das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit ist es doch so, dass etwas, das nicht komisch ist, auch nicht wahr sein kann, weil das Leben nun so spielt. In seinen Epigrammen hat Wilde die Dinge auf den Kopf gestellt. Häufig handelt es sich dabei um Umkehrungen viktorianischer Platitüden, so in seiner Feststellung 'Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klasse' - das trifft voll ins Schwarze, ist allerdings die Umkehrung einer extrem dummen zeitgenössischen Bemerkung."

Als typische Vertreterin der viktorianischen Oberschicht lässt Julian Mitchell eine entfernte Verwandte von Constance Wilde, Lady Mount-Temple, auftreten, um zu illustrieren, dass der Marquess of Queensberry keineswegs ein Einzelkämpfer war auf seinem Kreuzzug gegen die "Sittenverderber" "Die ganze Gesellschaft hatte Angst vor Menschen, die aufmuckten und sich artikulierten", schließt Mitchell, "schon sah man das Empire in seinen Grundfesten bedroht. Was man freilich nicht begriff, war, dass dem Empire ohnehin der Untergang bevorstand."