Homosexualität und Gesellschaft

aus dem Programmheft "Oscar Wilde - ein Film von Brain Gilbert"

Trotz all der Zwänge der viktorianischen Epoche konnten Männer damals in gewisser Weise freier miteinander umgehen als in unserer Zeit. Dazu Regisseur Brian Gilbert: "Männer konnten wesentlich liebevoller sein und zwar auch in der Öffentlichkeit, ohne deshalb in Verdacht zu geraten oder Missfallen zu erregen. Das ging sogar so weit, dass selbst viele von Oscars Freunden nicht glauben mochten, dass er homosexuell war, bis sie es aus seinem Munde erfuhren."

"Es ist eine interessante kulturgeschichtliche Frage, ob es vor dem Wilde-Skandal überhaupt irgendeine Vorstellung von dem 'schwulen Mann' gab. Das schwule Stereotyp war noch nicht griffbereit, das 'des Homosexuellen', der aufgrund seiner Sexualität über gewisse fest umrissene Charakteristika, Dispositionen und Vorlieben verfügt."

"Zweifellos hat es damals erste Ansätze einer solchen Typisierung gegeben - die psychoanalytische Bewegung steckte in ihren Kinderschuhen -, aber es war dann der Wilde-Skandal selbst, der bei der Herausbildung dieses Stereotyps geholfen hat. Alles an Wildes Person - sein Witz, seine Poesie, seine Begeisterung für schöne Dinge, für Innendekoration, etc., - konnte jetzt als Beweis für sein sogenanntes Laster herhalten. Solcherlei Vorlieben verloren künftig ihre Unschuld und konnten mit einer dunkleren Bedeutung befrachtet werden. Später, in den zwanziger Jahren, setzten sich solche Klischees in der britischen Öffentlichkeit endgültig fest, weil sich viele Angehörige der Oxbridge-Generation jener Zeit, schwul oder hetero, an Wilde orientierten. Deshalb hatte dann auch der 'Oxford-Stil', für den viele Oxford-Leute bis in die Fünfziger hinein eine Schwäche besaßen, immer einen gewissen Wilde-Touch."

Das Bild von Oscar Wilde als einem prominenten Homosexuellen seiner Zeit markiert nichtsdestoweniger das Zentrum des Films. Dazu Gilbert: "Ich schätze, dass sich jeder, der eine Meinung zum Thema Homosexualität hat, mit der Person Oscar Wilde auseinandersetzen muss. Er repräsentiert die große Herausforderung für alle vorgefassten Meinungen bzw. Vorurteile. An ihm kommt man nicht vorbei, und das finde ich wunderbar. Unter den genialen Künstlern ist Wilde auch insofern ein seltener Fall, weil er ein äußerst anständiger und gutherziger Mann war. Obwohl wir auf den ersten Blick wesentlich liberaler und fortschrittlicher sind als frühere Generationen, meine ich dennoch, dass Homosexualität unterschwellig immer noch als eine enorme Bedrohung der Gesellschaft gesehen wird. Wir geben uns relativ offen und tolerant, aber unkonventionelles sexuelles Verhalten kann selbst für die aufgeschlossensten Gemüter ein Problem darstellen." - "Ich würde nicht sagen, dass wir in unserem Film pauschal der viktorianischen Doppelmoral und allem was damit zusammenhängt die Schuld geben. Eigentlich geht es gar nicht darum. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass die Viktorianer scheinheiliger waren als wir. Gewiss, in einem größeren Zusammenhang ist die Gesellschaft schon verantwortlich. Sie war zu jener Zeit zutiefst intolerant, aber das hatte andere Gründe. Historiker haben in diesem Zusammenhang auf den Einfluss des Empire hingewiesen - jenes große Unternehmen, das zu Wildes Lebzeiten auf seinem Höhepunkt war - und in unserem Film spielen wir darauf auch an. Damals gab es in beinahe jeder Familie der Mittel- oder Oberschicht jemanden, der in Indien oder irgendeiner anderen Kolonie weilte. Für die Briten wurde die rauhe Wirklichkeit des Kolonialismus durch den Traum vom Empire bemäntelt - ein gewaltiges und außergewöhnliches Phantasiegebilde - und was sie von dem Treiben ihrer Männer in den fernen Besitzungen mitbekamen, wurde größtenteils einfach verdrängt oder beschönigt." "Die herrschende Klasse in Großbritannien war damals für eine relativ kurze Periode der Geschichte, etwa ein halbes Jahrhundert lang, homogener als jemals zuvor. Man besuchte Privatschulen, man besuchte die großen Universitäten, man besuchte Klubs, man heiratete spät, man war also entsprechend lange Junggeselle. Homosexuelle Aktivitäten kamen an diesen Public Schools sehr häufig vor, viel häufiger als heute, weil die Jungs in ihren Unterkünften weit weniger erwachsene Aufseher hatten. Insofern war damals die Heuchelei der Leute im Fall Wilde besonders schlimm, weil man am College gar nicht umhin konnte, Zeuge homosexueller Vorgänge zu werden. Viele berühmte Männer waren in ihrer Schulzeit daran beteiligt, auch wenn sie das später zurückgewiesen haben, und weil es ja keine klar umrissene Vorstellung vom Homosexuellen gab, gehörte dies einfach zu jenen Kapiteln, die mit einem schlechten Gewissen verknüpft waren."

Über das geheime (Liebes-)Leben des Oscar Wilde wissen wir nur sehr wenig, wie auch Stephen Fry einräumen muss: "Niemand kann genau sagen, welche Rolle bei seinen Affären die körperliche Komponente gespielt hat. Vieles spricht dafür anzunehmen, dass er von körperlichem Selbstekel nicht frei war. Er betete die Idee der Jugend an - daran war nichts Pädarastisches oder so - , weil er der Ansicht war, dass junge Menschen über die richtige Erfahrung verfügten, um sein Werk zu beurteilen. Die Sex-Szenen im Film sollen keineswegs reißerisch wirken, sondern vielmehr ergreifend und zärtlich."

Auch Julian Mitchell ist der Meinung, dass die körperliche Seite von Wildes Beziehungen Teil des Films sein muss. "Es wäre unehrlich, Verführung und körperliche Leidenschaft nicht zu zeigen. Klammert man das aus der Beziehung aus, lässt man ein wesentliches Moment weg. Menschen, die ihr 'Coming Out' erst sehr spät erleben, so wie Wilde, er war Ende dreißig, geraten oft völlig aus dem Gleichgewicht, und ich vermute, dass das auch bei ihm der Fall war. Oscar war von Lord Alfred Douglas einfach überwältigt. Bosie ist eine tragische Figur, zweifellos, aber unglücklicherweise ist er auch furchtbar destruktiv. Das ist wirklich eine der ganz großen Liebesgeschichten - die Zerstörung dieses wundervollen Menschen durch einen gepeinigten jungen Mann."

Brian Gilbert hält nichts von Schuldzuweisungen, "obwohl mancher Zuschauer sicher betroffen darüber sein wird, dass Bosie solchen Einfluss auf Wilde hatte. Aber wir haben uns bemüht, diese Beziehung ganz unvoreingenommen darzustellen. Es ist wie in einer Ehe, es gibt in jeder Beziehung gewisse Spielräume und Freiheiten, über die man als Außenstehender nicht so einfach urteilen kann. Ein Partner mag aggressiv sein, aber oft hat ihm der passive Teil auch erlaubt, aggressiv zu sein. Solche Dinge sind sehr schwer einzuschätzen - natürlich ist das faszinierendes dramatisches Material - aber wir schieben die Schuld nicht auf Bosie."

Fry fügt hinzu: "Bosie hatte aus seiner Sicht zweifellos gute Gründe für sein Benehmen. Seine eigentliche Tragödie war, dass er so nach seinem Vater kam - beide waren sich sehr, sehr ähnlich - und, obwohl er Oscar geliebt hat, war der Grund für sein schlimmes Verhalten der Hass auf den Vater. In einem Film kann man Dinge sehen, die man im Leben nie gesehen hätte. Es gibt keine versteckten Kameras in einer Beziehung, und wir wissen nicht, wie sich Oscar verhalten hat, wenn sie allein waren. Wir müssen davon ausgehen, das Oscar und Bosie, als sie sich begegneten, im Gegenüber etwas fanden, das wirklich kostbar war - echte Liebe, voller Leidenschaft und Wahnsinn."