Glanz und Elend des Dichters Oscar Wilde

Drei Prozesse der viktorianischen Justiz, die um
Sittenverderbnis und »widernatürliche Unzucht«
kreisen, vernichten den erfolgreichsten englischen
Schriftsteller seiner Epoche (1895) 

In der schmalen Rue des Beaux-Arts auf dem linken Ufer der Seine in Paris befindet sich auch heute noch im Haus Nr. 13 ein unauffälliges Hotel, früher »Hotel d'Alsace« genannt. Es liegt nur wenige Minuten von der alten Kirche St.-Germain-des-Prés entfernt; ihr gegenüber steht das altbekannte »Café aux Deux Magots«, das sich in leichter Selbstüberschätzung eine Zeitlang sogar auf den Kassenbons als »Rendez-vous de l'élite intellectuelle« bezeichnete. Am Gebäude des Hotels in der Rue des Beaux-Arts ist eine nur wenig beachtete Tafel angebracht, die daran erinnert, dass in diesem Haus am 30. November 1900 der Dichter Oscar Wilde starb. Das zu Zeiten des Dichters und noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein drittklassige Hotel ist inzwischen zu einem luxuriösen, internationalem Standard entsprechenden Haus mit teilweise exzentrischer Ausstattung umgebaut worden. Nur Oscar Wildes Sterbezimmer mit seinem Blick auf den einst verschwiegenen, romantischen Garten ist im Andenken an den dort so unglücklich und frühzeitig Gestorbenen mit erlesenem englischen Mobiliar eingerichtet worden.

Oscar Wildes an Höhen und Tiefen, an glanzvollen Erfolgen und bedrückenden Erniedrigungen so reiches Leben hat immer wieder das Mitgefühl der Welt erregt. Immer von neuem ist versucht worden, für die Nachwelt die Ereignisse des Jahres 1895 festzuhalten, in dem Oscar Wilde auf der Höhe seines Ruhms als erfolgreichster Bühnenautor Englands in drei unmittelbar aufeinander folgende Prozesse verwickelt wurde. Wie er unter den heute kaum vorstellbaren Demütigungen, von denen er sich nie mehr erholte, zwei Jahre in harter Strafhaft verbringen musste, hat Wilde selbst in seiner Zuchthausballade geschildert. Die unmenschlichen Verhältnisse in den englischen Strafanstalten, die sich dank dem Bekannt werden der Leiden Oscar Wildes bald besserten, und die Art, in der Oscar Wildes Prozesse geführt wurden, sind häufig Gegenstand scharfer Kritik gewesen. Was sich in den entscheidenden Wochen und Monaten wirklich abgespielt hat, lässt sich aus dem Hergang der drei Prozesse erkennen. Oscar Wilde, am 16. Oktober 1854 in Dublin als Sohn des bekannten Arztes Sir William Wilde geboren, ist irischer Abstammung. Von seiner Mutter, die unter dem Pseudonym Speranza eifrig schriftstellert und sich als irische Nationalistin betätigt, hat er die musische Veranlagung, die Kunst der kultivierten Unterhaltung und ein seltenes Sprachtalent geerbt. Er absolviert das Trinity College in Dublin, wo er sich besonders für klassische griechische Literatur interessiert, und erhält anschließend ein Stipendium am Magdalenen College in Oxford. Er vertieft seine Studien der griechischen Antike, gleichzeitig beginnt er mit der Veröffentlichung von Gedichten und Essays. Nachdem sein Vater, der ein kaum nennenswertes Vermögen hinterlässt, gestorben ist, zieht die Mutter mit ihrem älteren Sohn Willie nach London, wohin auch Oscar nach Abschluss seiner Studien kommt. Bald veröffentlicht er Gedichte, die besonders in Amerika Beifall finden und ihn zu einer Vortragsreise nach den USA veranlassen. Er tritt dort stutzerhaft mit Kniehosen und Strümpfen auf, frappiert die öffentliche Meinung mit zahlreichen, bei dem Publikum gut ankommenden Bonmots, wie: »Mit drei Vierteln der Engländer in allen Fragen nicht überein zustimmen, ist eine der ersten Forderungen des gesunden Menschenverstandes.« Er besucht Walt Whitman, ist aber entsetzt über Schmutz, Schäbigkeit und schlechte Luft in Whitmans primitivem Poeten-Quartier. Er reist auch nach Paris, nimmt mit Paul Verlaine Verbindung auf, kann aber auch zu dem französischen Lyriker keinen inneren Kontakt finden.

Im Jahre 1884 heiratet Wilde, der in jugendlichen Jahren zahlreiche schöne Frauen umschwärmt, Miss Constance Mary Lloyd, die einzige Tochter des verstorbenen königlichen Rats Horace Lloyd. Durch die ansehnliche Jahresrente seiner Frau wird er bald finanziell unabhängig. Aus der Ehe mit der reizvollen Constance, die anfangs offensichtlich glücklich war, gehen zwei Söhne hervor. Die Produktivität Wildes in diesen Jahren ist erstaunlich. Hauptberuflich übt er seine journalistische Tätigkeit aus, daneben schreibt er Essays, Märchen und im Auftrag von Lippincott's Monthly Magazine den Roman, der seinen Weltruhm begründen wird: »Das Bildnis des Dorian Gray.« Die Kritik lehnt das Buch zwar ab und vergleicht es mit den Erzeugnissen der französischen Dekadenz, aber in den Salons von London und Paris wird es zur Sensation. Die Schilderung des Romanhelden und seiner Beziehung zu seinem Porträtisten lassen schon damals den Eindruck entstehen, dass der erfolgreiche Autor des Romans besondere Neigungen hat. Als Wilde bald nach Erscheinen des Buches mit einem auffallend gut aussehenden jungen Mann namens John Gray gesehen wird, verbreitet sich das Gerücht, dass dieser John Gray ihn zu dem Helden seines Romans inspiriert habe. Obwohl Wilde den jungen Mann erst viel später kennen gelernt hat, dementiert er die Gerüchte nicht, sondern bestätigt sie, was den Absatz seines Buches hebt; kaufmännisches Gespür und Publizitätssinn waren bei ihm immer stark ausgeprägt.

Bald lernt Oscar Wilde wirklich den jungen Mann kennen, der sein Schicksal werden soll, den 21jährigen Lord Alfred Douglas, Sohn des achten Marquess of Queensberry. Der Dichter ist auf der Stelle von der Schönheit, dem Adel und dem Geist des jungen schottischen Edelmanns fasziniert, er empfindet die Begegnung sofort als Schicksal. Lord Douglas berichtet später in seiner Lebensbeichte, dass die Freundschaft mit Wilde zunächst rein und ideal gewesen sei, dass er aber später seinem älteren Freund gewisse »Vertraulichkeiten« gestattet habe, die etwa sechs Monate vor der Katastrophe, mit Beginn der Prozesse, endgültig aufgehört hätten. Heute gilt als unbestritten, dass Lord Douglas - von Wilde immer zärtlich mit seinem Kosenamen »Bosie« angesprochen - damals wie später gleichgeschlechtliche Neigungen hatte und, wenn nicht bei Oscar Wilde, so bei anderen diesen Neigungen nachging. Als Wilde Douglas kennen lernt, verkehrt dieser, was in der Londoner Gesellschaft nicht unbekannt ist, mit jungen Leuten aus sehr niederen Kreisen, und auch Oscar Wilde wird in diesen Umgang mit hineingezogen.

In den Jahren 1892 bis 1895 feiert Oscar Wilde seine größten Triumphe. Seine Gesellschaftskomödien »Lady Windermeres Fächer«, »Eine Frau ohne Bedeutung«, »Bunbury« und »Der ideale Gatte« werden trotz ursprünglich ablehnender Haltung der Kritik zu Kassenschlagern, die dem Autor endlich das luxuriöse Leben ermöglichen, das ihm allein behagt. Wilde bekommt der Erfolg nicht gut. Äußerlich hat er sich nicht zu seinem Besten verändert, er ist fett und aufgedunsen, seine Hände glatt und feucht, er isst und trinkt ohne Maßen und geht niemals zu Fuß. Seine früher gutartigen Geistreicheleien werden scharf, anmaßend und hochmütig.

Während Wildes »Frau ohne Bedeutung« im Haymarket Theatre gefeiert wird, zeigt ihm Theaterdirektor Beerbohm-Tree die Abschrift eines Briefes, den Wilde vor einiger Zeit an Lord Douglas geschrieben hatte. Beerbohm-Tree hat vorsorglich die Kopie, die ihm angeboten worden war, gekauft, da ihm der Inhalt des Briefes bedenklich erscheint und er einen Skandal befürchtet. Wilde zerstreut seine Bedenken. Einige Wochen später offeriert ihm der stellungslose Alfred Wood, den Wilde schon kennt, mehrere seiner Original-Briefe an Lord Douglas. Wood gelingt es, von Wilde eine größere Summe zu erhalten, die ihm unter dem Vorwand gegeben wird, ein neues Leben in Amerika anfangen zu können. Das Original des Schreibens, dessen Kopie Wilde von Beerbohm-Tree erhalten hat, ist nicht dabei. Kurze Zeit darauf taucht ein gewisser Allen in Wildes Haus auf, er ist im Besitz des Originals und fordert ohne Umschweife 60 £. Wilde erwidert von oben herab, dass er den Brief anderweitig für 60 £ verkaufen möge. Der Erpresser wird unsicher und gesteht seine Geldnot, so dass Wilde ihm zehn Shilling mit der Bemerkung schenkt, der Brief würde als Prosagedicht in der Form eines Sonetts in Kürze veröffentlicht werden. Kurze Zeit später kommt Cliburn, ein Spießgeselle Aliens, und bringt Wilde den Originalbrief freiwillig zurück, wobei er seinerseits zehn Shilling kassieren kann. Wilde hat so das Original des Briefes an Lord Douglas zurückerhalten, in dem er seinem »einzig geliebten Jungen« in poetischen Redewendungen für ein Sonett mit der Bemerkung dankt, es sei »ein Wunder, dass Deine roten Rosenblatt-Lippen nicht minder für die Musik des Gesanges geschaffen sind als für den Rausch von Küssen«. Wilde ist froh, die Briefe in seiner Hand zu haben, und erzählt recht unvorsichtig die Geschichte in London herum. Noch weiß er nicht, dass eine weitere Kopie des von den Erpressern Allen und Cliburn zurückgegebenen Briefes sich in der Hand eines Dritten befindet, nämlich des Marquess of Queensberry, des Va­ters von Lord Douglas.

Lord Queensberry ist von rachsüchtigem Wesen, unausgeglichen, arrogant, eitel und boshaft. Er ist auf dem Rennplatz, der Jagd, dem Boxring und bei seinen Hunden zu Hause. Seine Fa­milie interessiert ihn wenig. Er ist von seiner Frau geschieden und kümmert sich kaum um seine Kinder, die er ihr überlassen hat. Seine Gesellschaft sind Sportkameraden, Boxer und leichte Damen. Mit seinem ältesten Sohn Lord Drumlanring und dem früheren Premierminister Lord Rosebery ist er beinahe einmal in tätliche Auseinandersetzungen geraten, und nur die persönlichen Bemühungen des Prinzen von Wales verhinderten Schlimmeres. Als Lord Queensberry von der Freundschaft seines Sohnes mit Oscar Wilde erfährt, versucht er auf jede erdenkliche Weise, die Beiden voneinander zu trennen. Es kommt zu unerfreulichen, vulgären Briefen. Eines Tages erscheint Queensberry ohne Voranmeldung sogar im Haus Wildes in Chelsea. Queensberry beschuldigt Wilde, mit Lord Douglas wegen abstoßenden Betragens aus dem Savoy Hotel gewiesen worden zu sein und mit ihm eine Wohnung am Piccadilly genommen zu haben. Wilde bestreitet jedes unschickliche Verhalten, aber Queensberry wirft ihm vor, dass er »danach aussehe« und sich so aufspiele, was ebenso schlimm sei. »Wenn ich Sie und meinen Sohn zusammen in einem öffentlichen Lokal erwische, werde ich Sie verprügeln.« Wilde erwidert, er kenne zwar die Gesetze des Hauses Queensberry nicht, aber seine seien es, »bei Sicht« zu schießen. Nach seiner Darstellung, deren Richtigkeit aber vielfach bezweifelt wird, habe er seinem unerfreulichen Besucher die Tür gewiesen und zu seinem Diener gesagt: »Das ist der Marquess of Queensberry, der infamste Schuft in London. Sie werden ihm niemals mehr gestatten, mein Haus zu betreten.«

Der unerbittliche Krieg zwischen Queensberry und Wilde hat begonnen. Queensberry entzieht seinem Sohn Lord Douglas die Unterhaltsrente. Seinem Ex-Schwiegervater schreibt er: »... was meinen so genannten Sohn anbetrifft, so ist er nicht mein Sohn, und ich will nichts mit ihm zu tun haben. Er mag nach diesem Benehmen mir gegenüber verhungern ... « Doch Lord Douglas kümmert das wenig, er lässt sich ostentativ mit Oscar Wilde überall sehen und unternimmt mit ihm sogar eine Reise nach Algier, wo sie den gleich gestimmten André Gide treffen. Gide warnt Wilde, der von einem Zurück in seinem Kampf gegen Queensberry aber nichts wissen will und nach London zurückkehrt. Dort wird im St. James' Theatre am 14. Februar 1895 Wildes neue Komödie »The Importance of Being Earnest« uraufgeführt. Wieder erscheint der »scharlachrote« Marquess in Begleitung eines Preisboxers, legt ein Bukett weißer Rüben und Karotten für Oscar Wilde am Bühneneingang nieder: sie sollen dem Autor, sobald er vor dem Vorhang erscheint, an den Kopf geworfen werden. Da eine Störung von Queensberrys Seite vorausgesehen wurde, gelingt es diesem nicht, das Theater selbst zu betreten und den überwältigenden Erfolg des Stückes zu beeinträchtigen.

Nach dieser Schlappe nimmt Queensberry einen neuen Anlauf, der seinen Privatkrieg gegen Wilde zum offenen Ausbruch bringen wird. An dem nebligen Nachmittag des 18. Februar 1895 begibt er sich in den Albemarle Club, dessen Mitglied Wilde ist. Er gibt beim Portier eine offene Visitenkarte für Mr. Wilde ab. Auf die Karte hat er folgende Worte geschrieben: »To Oscar Wilde posing as a somdomite«, wobei er in seiner Wut das letzte Wort falsch geschrieben hat. Auf deutsch: »An Oscar Wilde, der sich wie ein Päderast benimmt.« Der Portier liest verständnislos die Worte, legt die Karte in einen Umschlag und gibt sie erst etwa zwei Wochen später an Wilde weiter, als dieser wieder in dem Club erscheint. Am nächsten Tag begibt sich Wilde mit seinem Freund Robert Ross und Lord Douglas zu seinem Rechtsberater C. O. Humphreys, einem der in Strafsachen erfahrensten »Solicitors« in London. Humphreys fragt Wilde rundheraus, ob irgend etwas Wahres an Queensberrys Beleidigung sei. Wilde versichert feierlich, dass er absolut unschuldig sei, wonach Humphreys die anscheinend Erfolg versprechende Sache übernimmt. Er stellt einen Antrag auf Strafverfolgung gegen Lord Queensberry im Hinblick auf die in der Visitenkarte enthaltene schwere Beleidigung seines Mandanten. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Wilde dem Wunsche seines jungen Freundes Alfred Douglas entsprechend zu einem anderen, in Londoner Gesellschaftskreisen für heikle Fälle besonders bevorzugten Solicitor, nämlich Sir George Lewis gegangen wäre. Diesem war über Wildes Privatleben erheblich mehr als Humphrey bekannt, und er hätte Wildes Unschuldsbeteuerungen sicher weniger geglaubt und ein anderes Vorgehen empfohlen.

Am 2. März 1895 wird aufgrund des inzwischen erlassenen Festnahmebefehls Lord Queensberry im Carter's Hotel festgenommen, zur Polizei gebracht und von dort dem Gericht in der Great Marlborough Street zwecks Entscheidung über den Haftbefehl vorgeführt. Dieses einleitende Verfahren, das sich über mehrere Tage erstreckt und eine summarische Vorprüfung des Prozessstoffes einschließt, erregt in der Öffentlichkeit und besonders in der Londoner Gesellschaft sensationelles Aufsehen. Als die Sitzung in dem kleinen Gerichtssaal am 9. März beginnt, ist kein Stehplatz mehr zu haben. Oscar Wilde ist mit den beiden Söhnen Lord Queensberrys, nämlich seinem Freund Lord Alfred Douglas und dessen Bruder Lord Douglas of Hawick gemeinsam vorgefahren, jedoch verlässt Lord Douglas auf Wunsch des Vorsitzenden alsbald den Gerichtssaal. Nach einer Vernehmung Wildes erklärt der Vertreter Lord Queensberrys, dass sein Klient lediglich im Interesse seines Sohnes handle. Auch Lord Queensberry selbst erklärt dem Gericht, er habe die fragliche Karte nur in der Absicht geschrieben, die Angelegenheit, da er Mr. Wilde sonst nicht habe treffen können, zu einer Entscheidung zu bringen und seinen Sohn zu retten, er bleibe im übrigen bei dem, was er geschrieben habe. »Dann«, antwortet der Richter, »ergeht hiermit Haftbefehl gegen Sie. Aufgrund der gestellten Kaution können Sie auf freiem Fuß bleiben. «

Sowohl auf Seiten Wildes wie Lord Queensberrys ist inzwischen zur Vorbereitung des eigentlichen Prozesses, der am 3. April beginnt, eine intensive Tätigkeit zu verzeichnen. Zur Vertretung vor dem Londoner Strafgericht, dem »Central Criminal Court, Old Bailey London«, muss von jeder Seite ein »Barrister«, ein plädierender Anwalt, gefunden werden; die Aufgabe der Solicitors besteht nur in der Vorbereitung des Prozesses und der Vertretung im einleitenden Verfahren. Es gelingt dem Rechtsberater Wildes, einen der berühmtesten Anwälte der Zeit, Sir Edward Clarke, einen Mann mit vielseitiger forensischer Erfahrung, zu gewinnen. Er wird als wahrhafter »Titan der Gerichtssäle« geschildert, der schon erfolgreich in großen Sensationsprozessen aufgetreten ist und furchtlos selbst hochgestellte Persönlichkeiten wie den Prinzen von Wales im Zeugenstand verhört hat. »Ich kann das Mandat nur annehmen, Mr. Wilde«, so sagt er in der ersten Unterredung, »wenn Sie mir auf Ihre Ehre als englischer Gentleman versichern, dass die gegen Sie erhobenen Vorwürfe sowohl jetzt wie auch früher jeder Grundlage entbehren.« Wilde erhebt sich und erklärt feierlich, dass alle gegen ihn erhobenen Anwürfe in jeder Hinsicht falsch und unbegründet seien. Aufgrund dieser Erklärung übernimmt Clarke die Vertretung Wildes, der in dem Prozess als Ankläger (prosecutor) auftreten wird.

Zum gleichen Zeitpunkt sind Lord Queensberrys Rechtsberater Day & Russell damit beschäftigt, den Gegenschlag ihres Mandanten gegen Wilde vorzubereiten. Als Barrister für die Vertretung vor dem Strafgericht haben sie Edward Henry Carson, den späteren Lord Carson, gewonnen, der auch nur zögernd das Mandat annimmt, zumal er aus demselben College wie Oscar Wilde hervorgegangen ist. Erst als Day & Russell ihn näher über die Hintergründe des Vorgehens Lord Queensberrys unterrichten, nimmt er an. Queensberry hat inzwischen Privatdetektive zur Erkundung der Intimsphäre Wildes engagiert, aber erst durch einen auf Wilde eifersüchtigen Schauspieler und Bühnenautor, Charles Brookfield, kommt er auf eine heiße Spur. Brookfield gibt Queensberrys Detektiven die Namen Woods, der anderen Erpresser sowie einer Lebedame, die die Detektive auf die Räumlichkeiten eines Mannes namens Alfred Taylor in Nr. 3 Chapel Street hinweisen. Diese verschaffen sich Eintritt in die Wohnung Taylors und finden Adressen von zahlreichen Homosexuellen und Unterlagen, die ihre Kontakte zu Wilde erkennen lassen. Als Wilde nach einem kurzen Urlaub mit Lord Douglas in Süd-Frankreich eine Woche vor Prozessbeginn nach London zurückkehrt, hat sich die Lage für ihn bemerkenswert verschlechtert. Inzwischen haben Lord Queensberrys Anwälte eine Rechtfertigungsschrift vorgelegt, die in Abschrift auch Oscar Wilde zugegangen ist. In dieser Schrift, deren genauer Wortlaut erhalten ist, ist das Ergebnis der im Auftrage Queensberrys angestellten Ermittlungen in unzweideutiger Weise festgehalten. Wilde leugnet weiterhin alles ab und bleibt trotz der auf ihn einstürmenden unangenehmen Überraschungen äußerlich unbewegt.

In der Woche bis zum Beginn des Prozesses wird Wilde von zahlreichen Freunden geraten, den Prozess aufzugeben und ins Ausland zu gehen. Vieles, was Queensberrys Helfer gefunden haben, ist in weiten Kreisen der Gesellschaft und des Theaters schon bekannt. Wildes einziger wirklich uneigennütziger Freund, Frank Harris, der ihn bis zu seinem Lebensende immer wieder unterstützen wird, beschwört ihn, England zu verlassen. Er bringt ihn im Café Royal mit dem damals schon bekannten George Bernard Shaw zusammen, der sich hinter Harris stellt. Auch Shaw ist klar, dass die Geschworenen niemals einen Angeklagten verurteilen werden, der seinen Sohn zu schützen versucht. Frank Harris hält Wilde vor, was passieren wird, wenn er seinen Prozess gegen Queensberry verliert; der Spieß würde sofort umgedreht werden, und die Zeugen des Marquess of Queensberry würden aufmarschieren und gegen ihn aussagen. Wilde scheint nachdenklich zu werden, aber inzwischen ist Lord Douglas hinzugekommen. »Ihr Rat, von hier wegzulaufen, zeigt, dass Sie nicht Oscars Freund sind«, so herrscht er Frank Harris an und erhebt sich vom Tisch. Wilde folgt ihm mit den Worten: »Das ist nicht freundlich von dir, Frank«, und beide verlassen eilig das Café Royal. Wildes Verhalten, der gerade bei dieser Unterredung schon Kenntnis von der Rechtfertigungsschrift Lord Queensberrys hatte, wird immer unverständlich bleiben. Er weiß besser als alle seine Freunde, in welch zweifelhafter Gesellschaft er sich in den letzten Jahren häufig befunden und dass sein Gegner all dies offensichtlich ausgeforscht hat. Er kann sich nicht entschließen, die Klage zurückzuziehen, was er noch hätte tun können. Er will nicht abreisen, was ihm jederzeit möglich wäre. Seinem Freund Harris, den er vor dem Prozess noch einmal trifft, gibt er immer nur die Antwort, dass er dies einfach nicht tun könne, auch als inzwischen Queensberry für ihn schädliche Verlautbarungen in der Presse erscheinen lässt.

Am 3. April 1895 beginnt in dem historischen, bald danach abgerissenen Gerichtsgebäude von Old Bailey pünktlich um 9 Uhr der Prozess gegen Queensberry. Den Vorsitz führt der ehrenwerte Richard Henn Collins, ein bedeutender Strafrichter, der später als Lord Collins of Kensington in das Oberhaus ein­ziehen wird. Auch er ist, wie Wilde und sein hauptsächlicher Gegenspieler in diesem Prozess, Edward Carson, irischer Abstammung. In der Eröffnungsansprache für den Kläger Oscar Wilde resümiert sein Anwalt Sir Edward Clarke die Vorgeschichte des Prozesses und ruft Wilde in den Zeugenstand. Er vernimmt ihn über seine Beziehungen zu Lord Alfred Douglas, über die an diesen geschriebenen Briefe, die Gespräche mit den Erpressern und die Zusammenkünfte mit dem beklagten Lord Queensberry. Die Rede kommt auch auf Wildes Roman Dorian Gray und die Zeitschrift »The Chameleon«, für die Wilde einen Beitrag geschrieben hatte. Beide werden in dem Kreuzverhör durch den gegnerischen Anwalt Edward Carson noch eine Rolle spielen. Wilde leugnet jede unerlaubte Beziehung zu den in der Rechtfertigungsschrift Lord Queensberrys Genannten.

Der erste Verhandlungstag ist beendet. Solange Wilde sich auf literarischen Gefilden bewegen konnte und selbst über seine zweideutig klingenden Briefe vernommen wurde, hatte er sich seinem irischen Landsmann Carson in Geist und Witz ebenbürtig gezeigt. Doch als die Vernehmung auf seine Kontakte mit Erpressern und anderen zweifelhaften Bekanntschaften übergegangen war, hatten die Gesichter der zwölf gutbürgerlichen Geschworenen einige Überraschung gezeigt. Als es zur Erörterung seiner Beziehungen mit dem jungen Zeitungsverkäufer Conway kam und Carson mit dramatischer Geste nicht nur den erwähnten blauen Anzug, sondern auch einen Spazierstock mit Silberknauf und andere Geschenke Wildes an den jungen Mann dem Gericht vorlegte, da konnten auch Wildes witzige Antworten den offensichtlich ungünstigen Eindruck auf die Geschworenen nicht verwischen.

Am nächsten Morgen nimmt Wilde schon in gedämpfterer Stimmung im Zeugenstand Platz, aber noch immer ist er im Kreuzverhör den Fragen Edward Carsons gewachsen. Allerdings wendet sich die Vernehmung der dunkelsten Persönlichkeit aus Wildes Bekanntenkreis zu, nämlich Alfred Taylor. Dieser hatte in seiner Wohnung in der Little College Street zahlreiche Nachmittagstees für ausschließlich männliche Gäste gegeben. Es kommt zur Erörterung, dass seine Räume immer hermetisch mit Vorhängen nach außen abgedunkelt und künstlich beleuchtet sind, dass sie fast immer nach starken Parfüms duften. Die Vernehmung bringt zutage, dass Wilde verschiedene junge Männer durch Taylor kennen gelernt hat, Sidney Mavor, Fred Atkins, Charles Parker, Ernest Scarfe. Alle stammen aus einfachsten Kreisen, meist sind sie arbeitslose Kammerdiener und Bedienstete, alle sind sie recht jung.

Wilde verliert in diesem Augenblick derartig die Nerven, dass er keine klare Antwort mehr geben kann, zumal Carson ihm immerzu die Worte »warum, warum« entgegenschleudert. Endlich verwahrt sich Wilde gegen das beleidigende und enervierende Verhör und gibt zu, dass seine Antwort in Geschwätz ausgeartet sei. Nach einigen weiteren Fragen an Wilde kommt das Kreuzverhör durch Edward Carson zum Abschluss. Wilde kann aufatmen, aber seine Glaubwürdigkeit ist durch das Defilee von Namen junger Leute aus einfachsten Kreisen für jeden Zuhörer angeschlagen.

In der mittäglichen Verhandlungspause fragt Wilde seinen Anwalt, ob er wirklich über alles und jedes vernommen werden könne, was Sir Edward Clarke bejaht. Wilde erwähnt, dass er vor einiger Zeit mitten in der Nacht aus dem »Albemarle-Hotel« herausgeworfen worden sei, wobei er in Begleitung eines Jungen war. »Es könnte unangenehm sein«, so meint Wilde, »wenn sie das herausfinden würden.« Welchen Eindruck diese Erörterung nach dem vorangegangenen unerfreulichen Kreuzverhör auf seinen Anwalt gemacht haben mag, lässt sich nur erraten. Doch Sir Edward nimmt die Vernehmung Wildes - der versehentlich nach der Mittagspause zu spät zurückkehrt, so dass sich schon Gerüchte über seine Flucht verbreiten - beherzt wieder auf. In der Vernehmung wird herausgestellt, dass der Zeitungsjunge Conway auch dauernd mit der ganzen Familie Wildes, namentlich auch mit seiner Frau, zusammen war. Wilde bestreitet nachdrücklich jegliche unsittliche Beziehungen zu ihm und den anderen mit ihm in Zusammenhang gebrachten jungen Männern.

Edward Carson hat das Wort zu dem nach englischem Prozessrecht nunmehr fälligen Eröffnungsplädoyer für die Verteidigung. Carson befindet sich in Hochform. Er stellt heraus, dass der von ihm vertretene Lord Queensberry weiterhin alle Vorwürfe gegen Wilde aufrechterhält. Er bittet die Väter unter den Geschworenen zu überlegen, ob Queensberry nicht berechtigt sei, mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln seinen Sohn von dem vergiftenden Einfluss des Klägers Wilde zu befreien. Wilde habe sich mit sittenlosen Existenzen zusammengetan, namentlich mit Alfred Taylor, der ihm die jungen Leute zuführte.

»Carson: Lassen Sie mich Mr. Wildes Stellungnahme im Kreuzverhör im Hinblick auf seine Bücher, die für auserwählte und nicht für übliche Leser bestimmt sind, mit dem Standpunkt vergleichen, den er bezüglich der jungen Männer einnahm, mit denen er bekannt gemacht wurde oder die er selbst auflas. Seine Bücher waren von einem Künstler für Künstler geschrieben; seine Worte waren nicht für Spießer oder Ungebildete. Vergleichen Sie das mit der Art, in welcher er seine Begleiter auswählte! Er bändelte mit Charles Parker, einem Diener, dessen Bruder ebenfalls ein Diener war, an, mit dem jungen Alfonse Conway, der Zeitungen am Pier in Worthing verkaufte, mit Scarfe, ebenfalls einem Bediensteten. Da hatte er nicht mehr die Ausrede, dass er sich in künstlerischen Gefilden bewegte, sondern dass er eine so edle, demokratische Seele habe, dass er keine sozialen Unterschiede mache, und dass es für ihn ebenso ein Vergnügen sei, mit einem jungen Straßenkehrer zum Lunch oder Abendessen zusammen zu sein als mit dem bedeutendsten Literaten oder Künstler.«

Der Sitzungsbericht verzeichnet an dieser Stelle des Plädoyers Gelächter im Zuschauerraum, und sicher hat Edward Carson nicht nur den größeren Teil der Zuhörer, sondern auch die gut bürgerlichen Geschworenen auf seine Seite gebracht. Doch jetzt kommt er auf den »Mann namens Wood« zu sprechen, der seinerzeit aus den Hosentaschen Lord Alfreds die Briefe Wildes genommen hat.

»CARSON: Aber wer ist Wood? Nun, auch er ist >Fred<, einer von Wildes Busenfreunden, ein Freund Taylors, einer von der Gesellschaft aus der Little College Street! Was hatte es mit den gespannten Beziehungen zwischen Wilde und Wood auf sich? Warum gab Wilde dem Wood 16 £? Wenn ich feststelle, dass Wood, bevor er in den Besitz jener Briefe kam, mit Wilde gewissen Praktiken oblag, dann haben Sie den Schlüssel zu der ganzen Angelegenheit. Das ist ein Grund, warum Wilde so sehr bestrebt war, die Briefe um jeden Preis zu bekommen, und als Wood sich zum Erpressen einstellte, da hatte es Wilde sehr eilig, den Mann schnell zum Verlassen des Landes zu bewegen. So be­zahlte er seine Passage und verfrachtete ihn nach einem Abendessen nach New York und - so nehme ich an - hoffte, ihn nie wieder zu Gesicht zu bekommen. (Carson hält einen Augenblick inne.) Aber meine Herren, es steht fest, dass Wood hier ist und vor Ihnen vernommen werden wird!«

Die Sensation ist da, der Gerichtssaal gerät in Bewegung, Ausrufe der Überraschung werden hörbar. Carson lässt nicht locker, wieder liest er den Brief Wildes an Douglas vor, der mit den Worten: »Liebster aller Jungen« beginnt, aber er interpretiert den Brief vorsichtig und daher um so wirkungsvoller:

»CARSON: Ich sage nicht, dass jemals etwas zwischen Lord Alfred Douglas und Oscar Wilde passierte. Gott bewahre! Aber alles zeigt, dass der junge Mann sich in einer gefährlichen Lage befand, als er sich von Mr. Wilde, einem Mann von großer Geschicklichkeit und Begabung, beherrschen ließ. Gerade gegen diesen Brief Mr. Wildes an Lord Queensberrys Sohn protestierte Lord Queensberry; und ich möchte wissen, meine Herren, werden Sie ihn wegen dieses Protestes ins Gefängnis schicken? Lord Queensberry war entschlossen, die Sache zu einer Entscheidung zu bringen, und welcher andere Weg als der, den er gewählt hatte, stand ihm offen? Bevor Sie Lord Queensberry verurteilen, bitte ich Sie, Wildes Brief zu lesen und zu sagen, ob nicht in jedem Vater dabei ein Gefühl des Ekels hochkommen musste. Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass Lord Queensberrys Sohn so von Wilde beherrscht wurde, dass er seinen Vater zu erschießen drohte. «

Bevor das Plädoyer abgeschlossen ist, vertagt Justice Collins die Hauptverhandlung auf den nächsten Tag. Nur langsam löst sich die Spannung, als sich der Gerichtssaal leert. Wildes Anwalt ist sich darüber im klaren, dass das Auftauchen des Erpressers Wood und der anderen Begleiter Wildes ihn in schwere persönliche Gefahr bringen können. Für Edward Clarke hat alles einen anderen Aspekt angenommen, nachdem ihm Wilde in der Mittagspause Andeutungen über einen dem Gegner bisher noch nicht bekannten Fall gemacht hatte. An demselben Abend sagt er Wilde unumwunden, dass nach Lage der Dinge die Geschworenen Lord Queensberry wahrscheinlich freisprechen würden. Es sei daher das beste, dem Gericht am nächsten Tag mitzuteilen, dass man einem Freispruch Queensberrys zustimme. Damit gebe Wilde noch keinerlei Beschuldigung zu, da ja Queensberry ihn nicht bestimmter unsittlicher Handlungen bezichtigt, sondern nur gesagt habe, dass er sich wie ein Päderast »benehme«. In seinen unveröffentlichten Erinnerungen wird Sir Edward Clarke über diese denkwürdige abendliche Unterredung viele Jahre später folgendes schreiben: »Ich riet ihm in seinem eigenen Interesse, mich zu ermächtigen, diese Erklärung vor Gericht abzugeben, und den Strafantrag zurückzuziehen. Ich sagte, dass der Richter, falls die Sache bis zum Ende behandelt würde und die Geschworenen die Vorwürfe für berechtigt erachten würden, zweifellos seine Festnahme anordnen werde. Er hörte ruhig und nachdenklich zu, dankte mir für meinen Rat und versprach mir, entsprechend zu handeln. Ich sagte ihm dann, dass seine Anwesenheit während meiner Ankündigung im Gerichtssaal nicht notwendig sei. Ich hoffte und erwartete, dass er die Gelegenheit wahrnehmen würde, das Land zu verlassen, und ich glaube, er wäre dabei auf keine Schwierigkeiten gestoßen.«

Am nächsten Morgen setzt Edward Carson zunächst sein Plädoyer fort. Schonungslos zerpflückt er Wildes Antworten im Kreuzverhör und führt dem Gericht vor Augen, dass alle diese von Wilde so verharmlosten Vorgänge recht ernst zu nehmen sind. Mitten in der Verhandlung bittet Sir Edward Clarke den Vorsitzenden, sich mit seinem Gegner Carson kurz beraten zu dürfen. Dann erhebt er sich, um die mit Wilde am Abend vorher besprochene Erklärung abzugeben:

»Ich glaube, es wird Eurer Lordschaft bewusst sein, dass die Vertreter Mr. Wildes eine tiefe Besorgnis empfinden. Sie können sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Urteil, das man sich über die erwähnte Literatur und das zugegebene Verhalten Mr. Wildes bilden könnte, die Jury möglicherweise zu der Schlussfolgerung kommen lässt, dass Lord Queensberry, als er das Wort >sich benehmen< gebrauchte, ein Wort verwandte, wozu er als Vater berechtigt schien ... Ich habe den Eindruck, dass wir den Urteilsspruch >nicht schuldig< in diesem Fall - nicht schuldig in Bezug auf das Wort >sich benehmen< - nicht vermeiden können ... Ich bitte, die Anklage zurückziehen zu dürfen ... Ich bin bereit, in einen Urteilsspruch >nicht schuldig< einzuwilligen. Ich nehme an, dass dies die Angelegenheit beendet.«

Nach einer Beratung von wenigen Minuten kommt die Jury zu dem Urteilsspruch »nicht schuldig«. Als Lord Queensberry die Anklagebank verlässt, wird er von den Zuschauern jubelnd begrüßt, während Wilde das Gebäude durch einen Seitenausgang verlässt. Auf den Strassen spielen sich wilde Szenen ab, Straßenmädchen tanzen auf den Bürgersteigen, und die Nachricht von Wildes Niederlage verbreitet sich in wenigen Stunden über die Stadt.

Oscar Wilde begibt sich in das »Cadogan-Hotel«, wo er Alfred Douglas und seinen Freund Robert Ross trifft. Ross und andere Bekannte raten Wilde erneut, sofort nach Dover zu fahren, um nach Frankreich überzusetzen. Aber Wilde kann sich nicht entschließen, rührt sich nicht von der Stelle und meint, es sei ohnehin zu spät. Inzwischen hat Queensberrys Solicitor Charles Russell einen Brief an die Strafverfolgungsbehörde gerichtet und ihr Kopien aller Erklärungen der im Prozess nicht vernommenen Zeugen nebst Abschriften der stenographischen Notizen des Prozesses übersandt. Nach Prüfung der schon am Morgen eingegangenen Papiere wird nach Zustimmung des Innenministers - zu diesem Zeitpunkt der bekannte liberale Politiker und spätere Premierminister Herbert Asquith - bei dem zuständigen Bereitschaftsrichter in der Bow Street, Sir John Bridge, der Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gestellt. Dieser vertagt die Sitzung für beinahe zwei Stunden. Niemals ist klar geworden, ob er Wilde den letzten Zug nach Frankreich erreichen lassen wollte oder mehr Zeit zum Studium der Papiere benötigte. Um 5 Uhr unterzeichnet er jedoch den Haftbefehl, und um 6.30 Uhr klopft Inspektor Richards von Scotland Yard an die Tür von Zimmer Nr. 53 des Cadogan-Hotels. Wilde hat bereits von einem Journalisten von dem Haftbefehl erfahren und wartet gefasst mit seinen Freunden Robert Ross und Reginald Turner. »Mr. Wilde, I believe?« fragt Inspektor Richards höflich und getreu der Tradition von Scotland Yard. Dann sagt er: »Ich muss Sie bitten, mich in das Polizeirevier zu begleiten.«

Oscar Wildes Tragödie hat begonnen. Der Richter in der Bow Street gewährt ihm keine Haftverschonung, er muss unter entwürdigenden Umständen erst in der Bow Street, dann im Holloway-Gefängnis auf seinen Prozess warten. Die öffentliche Meinung überschlägt sich vor Hass gegen ihn, nur wenige Zeitungen berichten sachlich über den Fall. Die Theater setzen seine Stücke ab, viele Freunde verlassen ihn, während Queensberry mit Glückwunschadressen überhäuft wird. Immerhin halten Lord Douglas und sein Bruder weiter zu ihm, ebenso wie die alten Freunde Frank Harris und Robert Ross. Sir Edward Clarke stellt seine Verteidigung zur Verfügung und erklärt, dass er keine Gebühren annehmen werde, ein Angebot, das der sich inzwischen in bedrängter finanzieller Lage befindliche Wilde dankbar annimmt. Schnell wird gegen Wilde und den als Zuhälter bezeichneten Alfred Taylor von der »Grand Jury« Anklage erhoben, und Wildes zweiter Prozess, in dem er nicht mehr Ankläger, sondern Angeklagter ist, beginnt bereits am 26. April 1895

Die Anklage gegen Wilde und Taylor umfasst 25 »Fälle« des Verstoßes gegen den »Criminal Law Amendment Act« von 1885, nach dessen Artikel II jede männliche Person bestraft wird, die »in public or in private« unsittliche Handlungen mit anderen männlichen Personen begeht, an ihnen teilnimmt, Gelegenheit hierzu verschafft oder zu verschaffen versucht. Die Höchststrafe sind zwei Jahre Gefängnis, die mit oder ohne Zwangsarbeit angeordnet werden können. In der Anklageschrift erscheinen die meisten schon im Queensberry-Prozess erwähnten Handlungen, der Prozessstoff ist sehr ähnlich. Sowohl Wilde wie Taylor plädieren für »nicht schuldig«. Den Vorsitz führt Justice Arthur Charles, ein erfahrener Strafrichter. Die Jury ist eine andere; Wilde und seine Verteidiger setzen gewisse Hoffnungen auf sie.

Wilde sieht hager und verhärmt aus. Sein langes Haar ist unordentlich, es ist offenkundig, dass ihn die schicksalhafte Wendung seines Lebens tief bedrückt. Gelangweilt hört er dem Eröffnungsplädoyer des Staatsanwalts Charles Gill zu. Gill spricht verhalten, es fällt auf, dass er bei namentlicher Erwähnung der beiden Angeklagten eine feine Unterscheidung macht, indem er von Wilde als »the prisoner Wilde«, von Taylor aber als »the man Taylor« spricht. Nach seinem Eingangsplädoyer ruft Gill die Zeugen der Staatsanwaltschaft in den Zeugen­stand. Sie bestätigen alle, mit Wilde gleichgeschlechtliche Beziehungen gehabt zu haben. Nach englischem Strafprozessrecht genügen die Aussagen aller dieser Zeugen allein nicht, um Wilde zu verurteilen. Sie haben sich selbst durch ihre Teilnahme an den vom Gesetz für unzüchtig gehaltenen Handlungen desselben Vergehens wie Wilde schuldig gemacht, und die Aussage eines Mittäters genügt nicht zur Überführung des Angeklagten. Ein Beweis kann erst dann als geführt gelten, wenn solche Aussagen von unbeteiligten Dritten in irgendeiner Weise bestätigt und bekräftigt werden. Die Anklagebehörde hat daher Zimmervermieterinnen und Mitbewohner der in Frage stehenden Häuser, Angestellte des Savoy-Hotels und Privatdetektive aufgeboten, die über ihre Beobachtungen berichten.

Die Vernehmung der Zeugen erstreckt sich bis in den dritten Verhandlungstag. Margery Bancroft, eine Mieterin des von dem Zeugen Charles Parker bewohnten Hauses 50 Park Walk berichtet, dass sie Wilde einmal nachts das Haus betreten und später wieder habe verlassen sehen. Mary Applegate - Hausmeisterin in dem Haus 28 Osnaburgh Street, in dem der Zeuge Fred Atkins wohnte - hat bemerkt, dass sich Wilde dort zweimal nachmittags zwischen fünf und sieben Uhr aufgehalten hat. Eines der Hausmädchen habe sich bei ihr über den Zustand der Bettdecken nach Wildes erstem Besuch beschwert. Alois Louis Vogel, Eigentümer des »Albemarle-Hotels«, bestätigt, dass viele junge Männer Wilde besuchten, als er in dem Hotel wohnte. Nach einiger Zeit sei er misstrauisch geworden und habe durch seine Anwälte kleine rückständige Rechnungen gegen Wilde eintreiben lassen, um ihn von einem erneuten Besuch des Hotels abzuhalten. Antonio Migge, der Masseur des Savoy-Hotels, gibt an, eines Morgens einen sehr jungen Mann im Bett von Mr. Wilde bemerkt zu haben. Der Zeuge muss im Kreuzverhör Sir Edward Clarkes allerdings zugeben, dass er zur üblichen Zeit zur Massage erschien, die Tür nicht verschlossen war und Wilde sich gerade anzog. Jane Cotter, ein Stubenmädchen im Savoy-Hotel, berichtet, dass Wilde und Lord Douglas im März 1893 nebeneinander liegende Räume bewohnten, dass seine Bettdecken immer in besonderer Weise befleckt waren, dass sie eines Morgens von Wilde gerufen wurde und einen Jungen von 18 oder 19 Jahren bemerkt habe. Annie Perkins, eine frühere Beschließerin im Savoy-Hotel, bestätigt die Angaben der Jane Cotter über den Zustand von Wildes Schlafzimmer.

Nach seinem Eröffnungsplädoyer für die Verteidigung ruft Sir Edward Clarke Wilde in den Zeugenstand. Wieder muss er in der Vernehmung und einem Kreuzverhör des Anklägers Fragen über das Chameleon, den Dorian Gray und andere Schriften über sich ergehen lassen. Wilde macht keinen Versuch mehr, sich in Pose zu werfen wie im ersten Prozess. Aber immer noch fließen geistvolle Maximen von seinen Lippen. Bei der Erklärung eines seiner Gedichte bemerkt er, was »für einen Menschen Poesie ist, ist für den anderen Gift«. Auf den Vorwurf des Staatsanwalts, es sei doch eine überaus kostspielige Gewohnheit von ihm gewesen, so vielen jungen Leuten silberne Zigaretten­etuis zu schenken, erwidert er: »Immerhin weniger extravagant als juwelenbesetzte Strumpfbänder an Damen zu verschenken.« Wilde erreicht einen Höhepunkt, als er »die Liebe, die ihren Namen nicht zu sprechen wagt«, aus Lord Douglas' Gedicht »Zwei Lieben« erklärt: es ist die Zuneigung eines älteren für einen jüngeren Mann, so wie sie zwischen David und Jonathan bestand, so wie sie in Werken Platos, Michelangelos und Shakespeares ihren Ausdruck gefunden hat. »Die Welt verspottet sie, und manchmal stellt sie jemanden dafür an den Pranger.«

Ein ergreifendes Schlussplädoyer Sir Edward Clarkes beendet die Präsentation des Falles durch die Verteidigung. Lauter Beifall einer nicht mehr so feindlichen Zuhörerschaft belohnt Sir Edwards rhetorische Leistung, Wilde ist gerührt und lässt ihm ein schnell geschriebenes Dankbillett überreichen.

Mit dem fünften Verhandlungstag geht der Prozess in sein Endstadium. Justice Charles unterrichtet die Geschworenen sachlich und vorurteilsfrei über die Tragweite der Beweisaufnahme und formuliert die von den Geschworenen zu beantwortenden Fragen. Nach dreieinhalb Stunden Beratung erscheint die Jury wieder im Gerichtssaal; der Obmann berichtet, dass sie sich über die meisten ihr gestellten Fragen nicht einigen könne. Nur im Fall des Erpressers Atkins ist sich die Jury darüber einig, dass den Angeklagten keine Schuld nachgewiesen werden könne. Wilde und Taylor werden daher in den entsprechenden Anklagepunkten freigesprochen, die Jury wird entlassen. Damit wird ein erneuter Prozess über die nicht erledigten Anklagepunkte notwendig. Noch einmal erlangt Oscar Wilde für kurze Zeit die Freiheit wieder. Gegen eine Kaution von 5000 £, die teils von Queensberrys ältestem Sohn, Lord Douglas of Hawick, teilweise von einem vermögenden Geistlichen der Kirche von England aus idealistischen Gründen zur Verfügung gestellt werden, wird Wilde auf freien Fuß gesetzt. Aufatmend ruft Wilde aus, er hoffe jetzt, zu Kunst und Leben zurückkehren zu können. Aber nur drei Wochen Freiheit liegen vor ihm.

Wilde nimmt zunächst Wohnung bei seiner alten, immer noch überaus exzentrischen Mutter und seinem gutartigen, aber dem Trunke ergebenen Bruder. Der Aufenthalt bekommt ihm nicht, und er nimmt das Anerbieten eines jüdischen Ehepaares, Mr. and Mrs. Leverson an, in ihrem komfortablen Haus in Courtfield Gardens Wohnung zu nehmen. Mrs. Leverson, selbst eine Schriftstellerin, ist eine alte Bekannte Wildes, die er herzlich als »die Sphinx« anzureden pflegt. Wilde erholt sich gut, auch spendet ihm eine andere jüdische Dame, Mrs. Adela Schuster 1000 £, als sie von der Konkurserklärung über sein Vermögen gehört hat. Inzwischen stehen die Dinge nicht still. Die Staatsanwaltschaft bereitet einen neuen Prozess vor. Wie schon in der Presse durchgesickert ist, wird sie diesmal nicht von einem jüngeren Anklagevertreter, sondern dem Generalstaatsanwalt Sir Frank Lockwood selbst vertreten werden. Dies ist ein ungünstiges Zeichen, denn man scheint nun entschlossen zu sein, eine Verurteilung Wildes und Taylors mit mehr Nachdruck durchzusetzen.

Wieder wird Wilde von seinen Freunden gedrängt, England zu verlassen. Frank Harris hat bereits alles vorbereitet, um ihn auf einer privaten Jacht ins Ausland zu bringen. Selbst Mrs. Constance Wilde, Oscars unglückliche Ehefrau, beschwört ihn unter Tränen, das Land zu verlassen. Aber alles ist umsonst, er will nicht »weglaufen«, »sich verbergen« und »seine Bürgen verraten«. Noch immer glaubt er, dass er eine Chance des Freispruchs habe. Mit Frank Harris diskutiert er seinen Prozess. Harris hält ihn noch immer für unschuldig, aber Wilde sagt leise: »Nein, Frank, ich bin es nicht. Ich dachte, du wüsstest das alles schon.« In demselben Gespräch erzählt er Harris, dass sich die Angestellten des Savoy-Hotels geirrt und bei den geschilderten Szenen sein Zimmer mit dem von Lord Douglas verwechselt haben. Douglas selbst hält sich weiterhin auf den dringenden Rat Sir Edward Clarkes in Frankreich auf. Für ihn und seinetwegen wird Wilde hauptsächlich büssen müssen. Nach diesen Unterhaltungen verbringt er einige entspannende Tage in Courtfield Gardens. Zu seiner Überraschung findet sich dort kein Geringerer als Graf Henri de Toulouse-Lautrec ein, der innerhalb eines Tages das weltberühmte Porträt Wildes auf die Leinwand wirft. Toulouse-Lautrecs Impression mit dem Big Ben im Hintergrund zeigt, wie das Antlitz des erst 40jährigen durch die Schicksalsschläge frühzeitig schlaff, faltig und müde geworden ist.

Am 20. Mai 1895 beginnt in Old Bailey der dritte Prozess. Eine andere Jury ist zusammengetreten, den Vorsitz führt Justice Alfred Wills. Die Anklage wird tatsächlich von dem Generalstaatsanwalt vertreten, der gegen den Wunsch von Wildes Verteidiger zunächst die Anklage gegen Alfred Taylor zur Verhandlung bringt. Die Verhandlung bringt den wenig erfreulichen Lebenswandel dieses Mannes, seinen Kontakt mit unzähligen jungen Männern, seine Verwicklung in unerfreuliche Vorfälle zutage. In seinem Schlussplädoyer bezeichnet der Generalstaatsanwalt Taylors Räumlichkeiten in der Little College Street als einen »Platz, der in dieser abgeschlossenen Strasse eingerichtet war und wo Personen, die jene schmutzigen Gelüste hatten, sich treffen und diese befriedigen konnten«. Die Jury kommt in allen Punkten zu einem Schuldspruch, der Richter verschiebt aber die Verkündung des Urteils, um die Beurteilung der Handlungen des Angeklagten Wilde nicht zu beeinflussen.

Am dritten Prozesstage kommt es zur Verhandlung über die Wilde zur Last gelegten Anklage. Wieder eröffnet der Generalstaatsanwalt die Verhandlung mit einem Eingangsplädoyer, in dem er den entscheidenden Wert auf die von ihm präsentierten unabhängigen Zeugen - Hotelbedienstete, Mitbewohner und Zimmervermieter - legt. Eingehend werden diese Zeugen nochmals vernommen.

In der »Re-examination« durch Staatsanwalt Gill betont die Zeugin aber nochmals, sie sei ganz sicher, dass sie das gesehen habe, was sie beschrieben habe. Ihre Aussage wird durch eine neue Zeugin, das Stubenmädchen Alice Saunders, bestätigt. Ihre Aufmerksamkeit sei, so berichtet Alice Saunders, durch die vorhergehende Zeugin Jane Cotter auf den Zustand von Wildes Zimmer gelenkt worden. Die Zeugin beschreibt auch genau, in welcher Verfassung sie das Zimmer gefunden habe. Auch der Masseur Migge wiederholt seine Aussage, wobei er diesmal sagt, er wisse nicht mehr, ob Wildes Schlafzimmer verschlossen war oder nicht. Er kann im Kreuzverhör auch nicht angeben, ob der Junge in Wildes Zimmer dunkles oder helles Haar hatte. Staatsanwalt Gill ruft einen neuen Zeugen in den Zeugenstand. Es ist Emile Becker, ein Kellner des Savoy-Hotels. Er erinnert sich, fünf junge Männer bei Mr. Wilde gesehen zu haben, für die er Champagner und Whisky mit Soda in Wildes Schlafzimmer gebracht habe. Später hat er einmal Geflügel und Champagner für Wilde und einen dunklen jungen Mann serviert. Nach Becker marschieren die gleichen Belastungszeugen wie im Vorprozess auf und wiederholen ihre Aussage. Letztlich hat aber die Anklage gegenüber dem Vorprozess kaum neues Beweismaterial von Bedeutung präsentiert.

Bei dem Eröffnungsplädoyer Sir Edward Clarkes für die Verteidigung scheint die Sache für Wilde besser zu stehen, zumal Justice Wills einige Bedenken über den Wert gewisser Aussagen der Hotelangestellten geäußert hat. Wieder wird Wilde verhört und ins Kreuzverhör genommen. Erneut will Generalstaatsanwalt Sir Frank Lockwood von Wilde wissen, was ihn an der Gesellschaft so vieler junger Leute so interessiert hat.

»LOCKWOOD: War die Unterhaltung mit diesen jungen Männern literarisch?

WILDE: Nein, aber die Tatsache, dass ich ein erfolgreiches Bühnenstück geschrieben hatte, schien für sie so wunderbar zu sein, und ich war dankbar für ihre Bewunderung.

LOCKWOOD: Die Bewunderung dieser Jungen?

WILDE: Ja, ich liebe es, gelobt zu werden, und zwar sehr viel.

LOCKWOOD: Durch diese Jungen?

WILDE: Ja.

LOCKWOOD: An deren Namen Sie sich nicht einmal entsin­nen?

WILDE: Ja, ich gebe zu, dass ich Lob und Bewunderung außerordentlich liebe und dass mir das auch bei sozial Tieferstehenden sehr gefällt.

LOCKWOOD: Was taten Sie mit ihnen?

WILDE: Ich las ihnen etwas vor. Ich las eines meiner Bühnenstücke.«

Sir Edward Clarke beginnt am Nachmittag des fünften Verhandlungstages sein Schlussplädoyer für die Verteidigung. Eindringlich betont er in seinen Worten an die Geschworenen, dass Wildes Bekundungen in keinem Widerspruch zu den wirklich unabhängigen Zeugen stehen. Wieder zerpflückt er die Aussa­gen von Wood und Charles Parker, die selbst auf die Anklagebank gehörten und deren Angaben durch keinerlei unabhängige Beweise bestätigt seien. Schließlich tritt der Prozess am sechsten Verhandlungstag in sein Endstadium: Der Vorsitzende Wills fasst in der feierlichen Unterweisung an die Jury den Prozessstoff zusammen. Ihm wird später vorgeworfen, er sei in seiner Ansprache nicht objektiv gewesen, doch seine Objektivität bei dieser Gelegenheit steht außer Zweifel. Er verweist auf alle schwachen Punkte in dem Beweisgebäude der Anklage, namentlich auf die Aussagen der Hotelangestellten. Andererseits verweist er auf die Zuverlässigkeit der Zeugin Bancroft und das niedere moralische und geistige Niveau der Erpresser Parker und Wood, mit denen normalerweise ein gebildeter Mann sich nicht zum Abendessen treffen würde.

Trotz der Verve, mit der die Anklage diesen dritten Prozess gegen Wilde geführt hat, scheint es vorübergehend so, als ob sich die Waage zugunsten Oscar Wildes neige. Nachdem sich die Jury zurückgezogen hat, sagt Generalstaatsanwalt Lockwood zu Wildes Verteidiger Clarke: »Sie werden mit Ihrem Mandanten morgen in Paris zu Abend essen.« Der Ankläger hat offenbar die Wirkung seiner eigenen Tätigkeit unterschätzt. Im dritten Prozess war nur noch wenig von verderblicher Literatur die Rede, man hatte sich fast ausschließlich mit praktischen Dingen befasst. Die Anklage hatte immerhin zwei neue unabhängige Zeugen unter den Angestellten des Savoy-Hotels gestellt, die die Aussagen anderer Hotelangestellter bestätigen. Nach zweistündiger Beratung kommt die Jury wieder. Sie ist diesmal einig geworden, ihr Spruch lautet in allen Anklagepunkten »schuldig«. Mit harten Worten wendet sich jetzt Justice Wills an die beiden Angeklagten:

»Oscar Wilde und Alfred Taylor, das Verbrechen, dessentwegen Sie verurteilt worden sind, ist so übel, dass man sich er­hebliche Zurückhaltung auferlegen muss, um nicht in einer Sprache, deren ich mich lieber nicht bedienen will, die Gefühle auszudrücken, die sich in der Brust jedes Mannes von Ehre regen müssen, der die Einzelheiten dieser beiden fürchterlichen Pro­zesse mit angehört hat. Dass die Jury zu einem richtigen Spruch gekommen ist, darüber habe ich meinerseits nicht den Schatten eines Zweifels. Ich hoffe jedenfalls, dass diejenigen, die manchmal einen Richter für halbherzig in Sachen von Anstand und Moral halten, weil er gewissenhaft das Aufkommen von Vorurteilen zu vermeiden sucht, sehen mögen, dass dies jedenfalls mit dem äußersten Gefühl des Widerwillens über die gegen Sie erhobenen scheußlichen Beschuldigungen vereinbar ist.

Ich halte es für nutzlos, mit Ihnen darüber zu sprechen. Menschen, die solche Dinge tun, müssen gegenüber jedem Gefühl der Scham unempfindlich sein, und ich habe keine Hoffnung, Sie irgendwie beeinflussen zu können. Es ist der schlimmste Fall, den ich je abzuurteilen hatte. Dass Sie, Taylor, eine Art Männerbordell betrieben haben, ist unmöglich zu bezweifeln. Und dass Sie, Wilde, der Mittelpunkt eines Kreises ausgedehnter Verderbnis der widerlichsten Art unter jungen Männern waren, ist ebenso unmöglich zu bezweifeln.

Unter diesen Umständen wird von mir erwartet werden, dass ich das strengste Urteil fälle, das das Gesetz erlaubt. Nach meiner Meinung ist es absolut unzureichend für einen Fall dieser Art. Das Urteil des Gerichts lautet dahin, dass jeder von Ihnen zu Gefängnis und Zwangsarbeit auf zwei Jahre verurteilt wird. «

Eine starke Bewegung geht durch den Gerichtssaal, man hört die Rufe »Oh! Oh! Schändlich!«, die aber schnell in einer Woge der Zustimmung untergehen. Leicht schwankend und mit entsetztem Gesichtsausdruck stammelt Wilde: »Und ich? Darf ich nichts mehr sagen?« Aber Justice Wills antwortet nicht und gibt den Gerichtsdienern nur mit der Hand den Wink, die beiden Verurteilten abzuführen. Die unerwartet harten Worte des Richters stehen für alle, die mit Wilde sympathisieren, in kaum verständlichem Kontrast zu seiner gemäßigten Sprache bei der Unterweisung der Geschworenen. Der junge Schauspieler Seymour Hicks schreibt später: »Ich habe viele schreckliche Dinge in Old Bailey gesehen, kein Todesurteil schien mir jemals so fürchterlich zu sein wie der Urteilsspruch von Justice Wills ...« Doch draußen auf der Strasse begegnet der Gerichtsspruch allgemeiner Zustimmung, schadenfroh tanzen viele vor Freude, und einige Dirnen lüften ihre Röcke. Eine von ihnen ruft im fürchterlichsten Cockney-Dialekt: »Jetzt wird er seine Haare regelmäßig geschnitten bekommen.«

Ist Oscar Wilde von der Justiz gerecht behandelt worden, haben seine Anwälte versagt und wäre er vor den furchtbaren Folgen des Urteils zu retten gewesen? Diese Fragen sind in der Wilde-Literatur oft gestellt worden. Das Mitleid mit dem tragischen Los dieses großen Mannes hat aber die klare Sicht vieler Beobachter getrübt. Der häufigste Vorwurf, der erhoben wurde, richtet sich gegen Wildes Chefverteidiger Sir Edward Clarke. Während Wilde und Lord Douglas ihm während und nach den Prozessen ihre uneingeschränkte Dankbarkeit zum Ausdruck bringen und seine Verteidigung billigen, macht Lord Douglas viele Jahre später Sir Edward zum Vorwurf, er habe ihn, Douglas, nicht in den Zeugenstand gerufen; er hätte dann über das brutale und unmenschliche Verhalten seines Vaters gegen alle Mitglieder seiner Familie so Ungünstiges ausgesagt, dass dies dem ersten Prozess eine andere Wendung gegeben hätte.

Lord Douglas übersieht hierbei mehrere wesentliche Gesichtspunkte. Nach den prozessualen Beweisregeln des englischen Rechts hätte sein Zeugenbeweis überhaupt erst als Erwiderung auf das Beweismaterial des damaligen Angeklagten Marquess of Queensberry präsentiert werden können. Der Prozess kam aber durch die Rücknahme der Anklage durch Wilde schon zu einem frühzeitigen Ende, bevor das Eröffnungsplädoyer der Verteidigung beendet war. Zu einer Vernehmung Queensberrys selbst war es überhaupt nicht mehr gekommen, nachdem Wilde das so schädigende Kreuzverhör Edward Carsons seine prozessuale Lage derart verschlechtert hatte, dass er sich zur Rücknahme der Klage entschloss. Wenn Douglas behauptet, dass Sir Edward Clarke entgegen den gegebenen Zusagen ihn nicht in den Zeugenstand gerufen habe, so hat Sir Edward Clarke spä­ter kategorisch ein Versprechen dieser Art in Abrede gestellt. »Und wenn«, so schreibt Sir Edward viele Jahre später in einem Schreiben vom 16. September 1929, »ein Versuch gemacht worden wäre, eine derartige Aussage zu machen, so hätte der Richter ihr selbstverständlich entschieden Einhalt geboten.« In der Tat würde Lord Douglas kaum die Gelegenheit gegeben worden sein, heftige Angriffe gegen seinen Vater vorzubringen. Eine derartige Aussage wäre nach englischem Prozessrecht kein zulässiges Beweismittel gewesen, da der Gegenstand des Verfahrens nicht das Verhalten Lord Queensberrys gegenüber seiner Familie, sondern nur die Frage war: Ist es wahr, dass Wilde sich wie ein Päderast benommen hat?

Noch viel mehr spricht aber gegen Lord Douglas' so spät geäußerte Vorwürfe, dass seine Vernehmung ihn selbst in eine höchst bedrängte Lage hätte bringen können. Es gilt heute als erwiesen, dass Douglas selbst mit einigen der verdächtigen Individuen und anderen Männern Beziehungen gehabt hat, die in einem Verhör zur Sprache kommen und ihn selbst auf die Anklagebank hätten bringen können. Zwischen dem zweiten und dritten Prozess vertraute Wilde seinem Freund Frank Harris an, dass gewisse von den Angestellten des Hotels Savoy geschilderten Szenen sich auf Vorfälle in Lord Douglas' Räumen bezogen hätten. Wilde sagt selbst später in seinem unter dem Titel »De profundis« veröffentlichten Brief aus dem Zuchthaus, dass die Sünden eines anderen ihm zur Last gelegt worden seien. Ob er sich durch die Richtigstellung dieser Umstände selbst hätte retten können, erscheint sehr zweifelhaft, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen; jedenfalls aber wäre Lord Douglas unter den gleichen Beschuldigungen sofort verhaftet worden, und dies wollte Wilde sicher nicht.

Eine weitere vielfach erörterte Frage ist die, ob Wilde nach englischem Beweisrecht überhaupt aufgrund der Aussagen von Zeugen, die bei seinen gleichgeschlechtlichen Handlungen seine »Mittäter« waren und sich durch ihre Aussagen weitgehend selbst die Straflosigkeit sicherten, verurteilt werden konnte. Eine Verurteilung ist nicht möglich, wenn die Aussagen solcher Zeugen nicht durch anderes Beweismaterial bestätigt werden. Die Geschworenen haben hier offenkundig die Aussagen der Hotelangestellten, Wildes Briefe und sein eigenes Verhalten für ausreichend gehalten, da er unbestreitbar mit dunklen Existenzen, die man heute Strichjungen nennen würde, freundschaftlichen Umgang gepflogen hat. Der kumulative Effekt aller dieser Umstände hat der Jury zur Verurteilung genügt. Der junge Assistent Sir Edward Clarkes, der damals junge Barrister und später in den Ritterstand erhobene Sir Travers Humphreys, berichtet über 50 Jahre später nach Abschluss seines Berufslebens, dass nach seiner Auffassung schon im ersten Prozess alle Anwesenden den Eindruck hatten, Wilde sei gleichgeschlechtlich veranlagt. Wilde selbst hat privat seine Schuld niemals bestritten, und es steht außer Zweifel, dass er sicher vieler Handlungen, deren er angeklagt war, schuldig gewesen ist. Unerfreulich, wenn nicht gar widerwärtig sind die Schlussworte von Justice Wills und sein überaus harter Urteilsspruch, der Wilde auf die gleiche Stufe mit dem gewerbsmäßigen Zuhälter Alfred Taylor stellt. Ob der Richter unter dem Druck der Wilde so überaus feindlich gesinnten öffentlichen Meinung, aus Ranküne oder aus überspitzten viktorianischen Moralvorstellungen heraus so streng urteilte, wird sich schwer sagen lassen.

Die Prozesse Oscar Wildes hatten aber auch, so seltsam es klingt, einen leicht politischen Hintergrund. Lord Douglas hat in späteren Jahren behauptet, dass der zweite und dritte Prozess und der besondere Nachdruck, mit dem sie von der Staatsanwaltschaft geführt worden sind, politisch bedingt waren. Die Briefe des rachsüchtigen Marquess of Queensberry, die im Prozess verlesen wurden, enthalten heftige Angriffe gegen die damals am Ruder befindliche Liberale Partei und den Premierminister Lord Rosebery. Oscar Wilde ist mit dem Innenminister der Regierung, Herbert Asquith, recht gut bekannt gewesen, so dass dieser um so mehr - nach Auffassung von Lord Douglas - zu einem scharfen Einschreiten gegen Wilde gezwungen gewesen ist. Douglas behauptet auch, dass Männer mit ähnlichen Veranlagungen wie Wilde in einflussreichen Positionen der liberalen Partei gesessen haben und daran interessiert gewesen sind, durch eine schonungslose Behandlung Wildes von sich selbst abzulenken. Was immer an solchen Unterstellungen wahr ist, es lässt sich nicht bestreiten, dass die Staatsanwaltschaft nach der Anzeige Lord Queensberrys am Tage des Abschlusses des ersten Prozesses von Amts wegen einschreiten musste. Hätte sie es nicht getan, so hätte Queensberry sicher unter dem Beifall der Wilde-feindlichen öffentlichen Meinung einen Druck ausgeübt, dem sich die Behörden nicht hätten entziehen können.

Die besondere Tragik im Schicksal Oscar Wildes offenbart sich auch darin, dass sein »Verbrechen« in England überhaupt erst seit 1886 strafbar war. Bis dahin waren nach englischem Strafrecht gleichgeschlechtliche Handlungen nur dann bestraft worden, wenn sie in irgendeiner Weise die öffentliche Moral verletzt oder Jugendliche gefährdet hatten. Erst durch den Criminal Law Amendment Act von 1885, der sich in erster Linie mit dem Schutz der Frauen und der Beseitigung von Bordellen befasste, wurde in Art. 21 eine neue Strafbestimmung geschaffen, die die Unzucht zwischen Männern »in public or in private« bestraft. Die ursprünglich vorgesehene Höchststrafe von einem Jahr wurde auf Antrag eines Abgeordneten auf zwei Jahre festgesetzt. Schon damals wurde diese Bestimmung als Erpressergesetz bezeichnet und vielfach angegriffen. Während Frankreich, Italien und andere Länder private Homosexualität schon damals nicht bestraft haben, hat es dem englischen Recht entsprechende Strafbestimmungen in vielen anderen Rechtsordnungen gegeben. In der Bundesrepublik Deutschland ist der allbekannte § 175 des Strafgesetzbuches erst durch das erste und vierte Gesetz zur Reform des Strafrechts von 1969 und 1973 abgeändert worden. Gleichgeschlechtliche Beziehungen unter erwachsenen Männern sind seitdem nicht mehr unter Strafe gestellt. Die Gesetzesbestimmung ist in eine reine Schutzvorschrift für Jugendliche unter 18 Jahren umgewandelt.

Als Oscar Wilde seine Strafe antritt, beginnen die tragischsten Zeiten seines Lebens. Sein erstes Jahr im Gefängnis ist fürchterlich, erst nach mühseligen Interventionen des Freundes Frank Harris bei höchsten Stellen ändert sich die Behandlung. Er beginnt zu schreiben, verfasst einen »Brief« an Lord Douglas, der niemals an diesen abgeht; Robert Ross, Wildes anderer, nie verzagender Freund, gibt dem Manuskript den Titel »De profundis«. Es wird ein ungeheurer Bucherfolg, nicht nur in England, sondern in vielen anderen Ländern.

Wilde verlässt im Frühling 1897 das Gefängnis, Robert Ross begleitet ihn sofort nach Frankreich. Wilde verbringt einen friedlichen Sommer in dem kleinen normannischen Ort Berneval. Er beginnt wieder zu schreiben, es entsteht die »Ballade of Reading Gaol«, die Ballade vom Zuchthaus in Reading. Er veröffentlicht auch einen Artikel im »Daily Chronicle« über seine Erfahrungen in der Strafhaft und trägt entscheidend zur Humanisierung des Strafvollzugs bei. Frank Harris, Robert Ross und seine anderen Freunde hoffen, dass ein neues fruchtbares Leben beginnt, aber Wilde gibt dem Drängen Lord Douglas' nach. Er verlässt Berneval und zieht mit »Bosie« nach Posilippo am Golf von Neapel. Dort verbringen sie, fern von der britischen Justiz, einige glückliche, ungehemmte Wochen, dann geraten sie in Geldschwierigkeiten. Mrs. Wilde streicht ihrem Ehemann wegen seines Rückfalls die bewilligte Rente; Bosie - der die erwartete Erbschaft noch nicht hat und dem seine Mutter die Rente ebenfalls sperrt - wird ausfallend und verletzend.

Es ist das Ende einer großen Liebe, an der Wilde letztlich zerbricht.

Fast drei Jahre lebt Oscar Wilde noch, meist in Paris. Für einen Mann seiner Begabung ist es ein steriles, würdeloses Leben. Sein Genius hat ihn verlassen, er bringt keine Zeile mehr zustande. Ohne Hemmung bettelt er seine Freunde um Geld an und wirft es in der Gesellschaft von jungen Leuten, de­nen er überall nachstellt, wieder hinaus. Abende und Nächte verbringt er in Kaffeehäusern und Bars rund um die Madeleine und lässt die Zeche andere bezahlen; sein weltweiter Ruhm kommt ihm immer wieder zugute. Als er den inzwischen durch eine Erbschaft reich gewordenen Bosie auch wieder um Geld bittet, lehnt dieser brüsk ab, denn Wilde könne sich ja mit sei­ner Schriftstellerei selbst genug Geld verdienen; immerhin lässt er ihm später kleinere Summen zukommen. Seine Miete zahlt der Dichter immer seltener, aber Monsieur Dupoirier vom Hotel d'Alsace, Wildes letztem Quartier, findet ihn so charmant, dass er immer wieder Nachsicht zeigt.

Nach einem letzten Aufflackern seiner Vitalität auf einer mehrwöchigen Reise nach Italien, die von Mrs. Adela Schuster in London finanziert wird, beginnt Wildes Lebenskraft zu schwinden. Halb angekleidet liegt er einen großen Teil des Tages im Bett. Sein Zimmer im Hotel d'Alsace befindet sich beim Besuch des Freundes Frank Harris in einem unglaublichen Zustand. Im Herbst des Jahres 1900 stellen sich, von einem kranken Ohr ausgehend, sehr starke Kopfschmerzen ein; schlimmer ist, dass Wildes Wille zum Leben geschwunden ist. Eine Gehirnoperation bringt nur vorübergehend Besserung. Am 30. November gegen Mittag wird der Dichter von seinem Leiden erlöst. Vor einer großen Trauergemeinde, unter der sich auch die Freunde Lord Douglas, Frank Harris und Robert Ross befinden, wird am 3. Dezember für ihn in der ehrwürdigen Kirche von St. Germain-des-Prés die Totenmesse gelesen. Dann fährt der Wagen mit dem Sarg, dem ein Trauerzug von fünf Kutschen folgt, bei Regen und Kälte zum Friedhof in Baigneux. Seine endgültige Ruhestätte findet Wilde zehn Jahre später auf dem historischen »Père Lachaise«, wo jetzt eine Skulptur Jacob Epsteins sein Grab schmückt.