Illustre Ästhet

Während Whistler der Bedeutung von Kunst im täglichen Leben nachspürte, verschrieb sich die viktorianische Gesellschaft einem Schönheitskult. Zu den tonangebenden Ästheten zählte der Dichter Oscar Wilde.

Durch seinen Grundsatz, Gemälde sollten keine moralischen Aussagen enthalten, sondern durch sich selber wirken, wurde Whistler zu einem führenden Mitglied der sogenannten Ästhetischen Bewegung. Im Grunde genommen gab es jedoch keine Bewegung im eigentlichen Sinne, sondern nur eine Änderung gesellschaftlicher Konventionen, die vielen Menschen - vom Adel bis zum gebildeten Mittelstand - suggerierte, dass ein "erlesener Geschmack" im täglichen Leben notwendig sei.

Diese kultivierte Elite um die Mitte des 19. Jahrhunderts wollte Kunst und Schönheit in jedem Aspekt ihres täglichen Lebens genießen, in der Kleidung, die man trug, den Häusern, in denen man wohnte, dem Porzellan, von dem man aß und auch in den Gemälden, die man bewunderte. Während die Reichen und Berühmten (zum Beispiel Whistler) oftmals in einem schlichten und eleganten Haus wohnten (wie sie der Architekt Edward Godwin entwarf), konnten die weniger gut Betuchten ihren ästhetisischen Neigungen frönen, indem sie im berühmten "Liberty's" einen japanischen Wandschirm oder orientalische Seide kauften.

Von 1875 an war Arthur Libertys Geschäft in der Londoner Regent Street der Inbegriff verfeinerten Geschmacks. Mit seinem überreichen Angebot an orientalischen Kostbarkeiten - Teppichen, Fächern, Wandschirmen, Porzellan und Stoffen - war es der Treffpunkt der modebewussten Gesellschaft und von Künstlern wie Whistler und Rossetti oft besucht. Kunsthandwerk aus Japan war seit der Internationalen Ausstellung von 1862 der letzte Schrei, und die Nachfrage war so stürmisch, dass Liberty sie nur zu befriedigen vermochte, indem er nicht nur aus Japan, sondern auch aus China und Persien importierte. Er überredete sogar englische Textilhersteller, Stoffe im fernöstlichen Stil zu produzieren.

DER ILLUSTRE ÄSTHET

Der neue Ästhetik-Kult zog schon bald immer weitere Kreise. Drei Jahre, nachdem Liberty seinen Laden eröffnet hatte, beschloss ein junger Ire, frisch in London eingetroffen, diesen Trend zu nutzen, um sich selbst in Szene zu setzen. Dieser junge Mann war Oscar Wilde, der 1878 aus Oxford nach London übersiedelte, mit dem festen Vorsatz, sich einen Namen zu machen. "Ich werde Dichter, Schriftsteller oder Dramatiker. Auf die eine oder andere Weise werde ich berühmt, und wenn nicht berühmt, dann zumindest berüchtigt", erklärte er. Doch obwohl er in Oxford den Newdigate-Preis für Lyrik errungen hatte, wurden seine Werke in London als oberflächlich und epigonal eingeschätzt. Um den heißersehnten Ruhm zu erlangen, stilisierte sich Wilde deshalb ganz bewusst zum exaltiertesten Ästheten der Stadt.

Durch sein übertriebenes selbstbewusstes Auftreten wurde Wilde zur Zielscheibe satirischer Angriffe. George du Maurier, ein Karikaturist der Zeitschrift Punch, hatte schon seit Anfang der 70er Jahre den modischen Hang zum Ästhetischen aufs Korn genommen, und nun machte er Wilde in der - leicht erkennbaren - Figur des großmäuligen Dichters Postlethwaite lächerlich. Im Jahre 1881 stellten dann Gilbert und Sullivan eine neue komische Oper mit dem Titel Patience vor, deren Hauptfigur ein "köstlich kostbarer" junger Ästhet namens Bunthorne war - eine Charakter-Kombination aus dem Künstler Rossetti, dem Dichter Swinburne und natürlich Oscar Wilde.

Wilde und Whistler waren 1881 Freunde geworden. Sie hatten viele gemeinsame Bekannte, wohnten beide in der Tite Street in Chelsea und hielten angesichts der Angriffe im Punch zusammen. Als Wilde 1884 Constance Lloyd heiratete, erhielt Whistler den Auftrag, das Haus des jungen Paares in angemessenem Stil zu dekorieren. Whistler stattete das viktorianische Wohnhaus mit einem Speisezimmer in Weiß, Blau und Gelb aus und dekorierte den Salon mit weißen, in die Decke eingelassenen Pfauenfedem. Constance Wilde war schon bald als die Herrin im "Schönen Haus" bekannt, und das Paar gab rauschende Empfänge mit illustren Gästen wie Sarah Bernhardt und Mark Twain.

Hinzu kam, dass Oscar Wilde im populären Café Royal am Londoner Piccadilly zur Mittagszeit "Hof hielt". Whistler war auch oft zugegen, obwohl er Wildes Starallüren eher skeptisch gegenüberstand. Die wohl bekannteste Anekdote über Wilde und Whistler betrifft einen Wortwechsel der beiden bei einer dieser mittäglichen Zusammenkünfte. Nach einer besonders witzigen Bemerkung Whistlers sagte Wilde: "Ich wollte, ich hätte das gesagt." Darauf entgegnete Whistler bissig: "Du wirst es schon noch tun, Oscar." Er meinte es ernst.

KONFUSE THEORIEN

Als engagierter Künstler ärgerte sich Whistler zunehmend über Wildes Opportunismus. Er sah in ihm den bloßen Propagator einer stark verwässerten - und bisweilen konfusen - Version seiner eigenen Ideen. Außerdem irritierte ihn eine Mode, bei der es zum guten Ton gehörte, künstlerisch bedeutende Möbel zu besitzen und Oscar Wilde zuzuhören.

Wilde hatte zu dieser Zeit noch keines seiner bedeutenden Stücke geschrieben, und als sein einziger Roman, Das Bildnis des Dorian Gray, im Jahre 1890 erschien, wurde das Buch wegen seiner Dekadenz und angeblichen Immoralität scharf kritisiert. Bald wurden derlei Angriffe auch gegen Wildes Person gerichtet.

Wilde hatte zwar eine Frau und zwei Söhne, war jedoch schon immer sexuell wie emotional mehr an Männern interessiert gewesen. Im Jahre 1891 ließ er sich in ein unseliges Verhältnis mit Lord Alfred Douglas ein, dem Sohn des Marquis von Queensberry. Er war Bosie in blinder, höriger Liebe zugetan und äußerte seine Verachtung für die öffentliche Meinung, indem er sich überall in seiner Gesellschaft zeigte. Als Bosies exzentrischer und herrschsüchtiger Vater an dem Verhältnis Anstoß nahm, beging Wilde den schweren Fehler, den "verrückten Marquis" wegen Verleumdung zu verklagen. Wilde glaubte wahrscheinlich, er könne es sich leisten, den Stier bei den Hörnern zu packen, weil er inzwischen zum führenden Komödiendichter seiner Zeit avanciert war - ganz London strömte jetzt in seine Stücke. Aber mit seinem Prozess gegen Queensberry hatte er sich übernommen; er ging bankrott und wurde später auch noch wegen homosexueller Vergehen vor Gericht gestellt. Im Mai 1895 wurde er schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung ging er außer Landes. Er starb 1900 in Frankreich.

Für viktorianische Gemüter war Wildes Untergang untrennbar mit den dekadenten Exzessen der "art pour l'art" verknüpft. Sein Prozess wirkte sich zwar nicht unmittelbar auf den Niedergang der Ästhetischen Bewegung aus, fiel jedoch zeitlich mit der Eröffnung eines neuen Geschäfts in Paris zusammen, das den Namen Art Nouveau trug, den Namen eines neuen dekorativen Kunststils, der zu Beginn des neuen Jahrhunderts Europa eroberte.