Vyvyan Holland - Erbe eines Urteils, 1955   

Wandlungen der öffentlichen Meinung über Oscar Wilde

Vyvyan Holland

In diesem Jahr der hundertsten Wiederkehr von Oscar Wildes Geburtstag scheint es angemessen, einen raschen Überblick über die Stadien zu gewinnen, in denen sich die öffentliche Meinung über seine Werke und seine Stellung in der Literatur gewandelt hat.

Nach den Prozessen des Jahres 1895 war die gesamte Presse einig in ihrer Verurteilung von Wildes Schaffen, sei es dramatischer, dichterischer oder kritischer Natur.

Das "Echo", eines der führenden damaligen Abendblätter, schrieb am Nachmittag der Urteilsverkündigung des von dem Marquis of Queensbury angestrengten Verleumdungsprozesses:

"Damit hat ein höchst erbärmlicher Gerichtsfall sein Ende gefunden, Lord Queensbury siegt und Herr Oscar Wilde ist ein für allemal erledigt. Das beste, was jeder jetzt tun kann, ist, Oscar Wilde, seine ständigen Posen, seine ästhetischen Doktrinen und seine Bühnenprodukte völlig zu vergessen. Er möge von der Bildfläche verschwinden und nichts mehr von sich hören lassen."

Am Montag nach seiner Verurteilung erschien im "Daily Telegraph" ein Leitartikel, in dem Folgendes stand:

"Der Mann hat jetzt die Strafe für sein Leben erhalten und es wird nur gut sein, wenn er aus dem Rampenlicht, das er liebte, in der Versenkung der Schande und Vergessenheit verschwindet, wohin er gehört. Möge sich das Grab schimpflichen Vergessenseins über seiner törichten Anmaßung, seinen leeren Paradoxen und seiner unverbesserlichen Eitelkeit schließen."

In der Königlichen Schule von Portora wurde Wildes Name von der Ehrentafel entfernt.

Ungefähr 1933 fügte der Direktor der Schule, Rev. E. G. Seale, den Namen "Oscar Wilde" der "Ehrentafel" wieder ein. Und im September 1953 schrieb mir der damalige Direktor Rev. D. L. Graham: "Ein Bild Oscar Wildes hängt jetzt in der Schule und wir haben seine Stücke von Zeit zu Zeit in den letzten dreißig Jahren aufgeführt."

1895 wurden Oscar Wildes Werke aus dem Buchhandel zurückgezogen und seine Stücke wurden aus den Spielplänen der Bühnen gestrichen. Von da an schwieg die Presse bis zum Erscheinen der "Ballad of Reading Gaol" im Jahre 1908 völlig über ihn.

Und als wäre das noch nicht genug, begannen Verleger obszöner und geiler Bücher, wie sie rund um die Pariser Boulevards verkauft werden, deren Verfassung Oscar Wilde zuzuschreiben. Das ärgerte die Freunde meines Vaters ganz besonders, weil es wohlbekannt war, dass er niemals ein obszönes oder auch nur gemeines Wort in irgend etwas, was er sagte oder schrieb, verwendete.

Um die Demütigung meines Vaters noch zu vergrößern, wurde er kurz nach Antritt seiner Haft bankrott erklärt. Sofort begannen anrüchige Verleger in England, Frankreich und Amerika, seine Bücher nachzudrucken und unter völliger Missachtung der Copyright‑Bestimmungen zu verkaufen. Es gab nichts, um sie daran zu verhindern. Das literarische Eigentum meines Vaters lag in den Händen des Konkursmasseverwalters, der sich auf den Standpunkt stellte, dass die Werke keinerlei Wert hätten und wenn jemand töricht genug sei, Zeit und Geld auf ihren Druck zu verschwenden, so stehe es ihm frei, es zu tun.

Die "Ballad of Reading Gaol" wurde von der Presse mit großer Zurückhaltung aufgenommen, aber sowohl der "Daily Telegraph" wie das "Echo", die sich drei Jahre vorher in sehr schimpflichen Worten über sein Schaffen ausgelassen hatten, widmeten ihr günstige Kritiken. Die "Times" ignorierte die Dichtung vollständig.

Am 1. Dezember 1900, dem Tag nach dem Tode meines Vaters, veröffentlicht die "Times" einen langen Nekrolog über ihn, in dem seine Stücke in folgenden Worten gelobt wurden:

"Sie sprühten von witzigen Aussprüchen und das geistvolle Wesen ihres Verfassers sicherte ihm von Anbeginn eine Stellung in der Welt des Schauspieles." Aber dann heißt es weiter:

"Die Enthüllungen in dem Prozess von 1895 machten sie natürlich einige Jahre lang unmöglich." Trotzdem wurde The Importance of Being Earnest" schon damals in der englischen Provinz gespielt. 1901, kurz nach dem Tode meines Vaters, suchte Robert Ross beim Konkursgericht um die Bestellung zum literarischen Nachlaßverwalter an. Ein Beamter des Gerichtes lächelte ihn nachsichtig an und versicherte ihm, dass "Wildes Werke niemals irgend welchem Interesse begegnen würden". Das Ansuchen wurde jedoch vorbehaltlos bewilligt und dann begann Ross' langwieriger Kampf gegen das literarische Piratentum und den Konkursmasseverwalter.

Seine Bemühungen waren so erfolgreich, dass er Mitte 1908 die Bankrottschulden abgezahlt und sogar, dem letztwilligen Wunsch meines Vaters entsprechend, die französischen Gläubiger voll befriedigt hatte.

Im Dezember 1901 wurde im Coronet-Theatre - das ab 1902 St. James's-Theatre heißen sollte - "The Importance of Being Earnest" aufgeführt, das George Alexander ebenso wie "Lady Windermere's Fan" dem Konkursmasseverwalter abgekauft hatte. Seither hat dieses Stück in London ungefähr ein Dutzend Neuaufführungen erlebt.

1905 veröffentlichte Robert Ross unter dem Titel "De Profundis" einen Teil der Briefe meines Vaters an Alfred Douglas. Dieses Buch wurde in alle bedeutenden Sprachen der Welt übersetzt und leitete eine Wilde-Renaissance ein. 1908 wurden seine gesammelten Werke von dem Verlag Methuen and Co in einer beschränkten Auflage von tausend Exemplaren veröffentlicht, die schon vor Erscheinen vergriffen war.

Der 1. Februar 1910 war der zwanzigste Jahrestag der Übernahme des St. James's-Theatre durch George Alexander. Aus diesem Anlass fand eine Sondervorstellung der "Importance of Being Earnest" statt, bei der George Alexander jedem Besucher ein besonders gebundenes Exemplar der Buchausgabe schenkte.

1911 wurde anlässlich der Erbauung des neuen Rathauses von Chelsea beschlossen, den Sitzungssaal mit vier Wandgemälden zu schmücken, auf denen berühmte Vertreter der Geschichte, der Naturwissenschaften, der Literatur und der Kunst dargestellt werden sollten, die in Chelsea gelebt hatten. Unter den Künstlern von Chelsea wurde ein Wettbewerb für diese Wandgemälde ausgeschrieben und den Teilnehmern mitgeteilt, wer abzubilden sei. Auf dem Gemälde, das die Literatur symbolisierte, sollten Swift (1), Smollet (2), Carlyle (3), Leigh Hunt (4), St. Evremonde (5), Oscar Wilde, George Eliot (6) und Charles Kingsley (7) zu sehen sein. Der ausgewählte Entwurf stammte von George Woolway. In der Bezirksvertretung von Chelsea wurde zwar einiger Protest gegen die Aufnahme Oscar Wildes laut, er wurde aber überstimmt.

In der Zeit zwischen den beiden Kriegen wurden Oscar Wildes Stücke und Bücher immer wieder verfilmt. Es gab häufige Neuaufführungen seiner sämtlichen Stücke, die zu eisernen Bestandteilen der Berufs- und Liebhaberbühnen der ganzen Welt wurden. Bei Ausbruch des letzten Krieges stand "The Importance of Being Earnest" am Beginn einer Laufzeit, die neun Monate dauern sollte - eine der längsten, die eine Wiederaufführung in der Geschichte des englischen Theaters erlebte.

Am 11. April 1946 fand im Haymarket-Theatre eine auf besonderen Wunsch veranstaltete Vorstellung von "The Importance of Being Earnest" für den Pensionsfonds der Schauspieler und Schauspielerinnen statt, der König Georg VI., Königin Elisabeth und die beiden königlichen Prinzessinnen beiwohnten.

Anlässlich von Oscar Wildes fünfzigstem Todestag im November 1950 waren die ersten drei Seiten des "Times Literary Supplement" ihm und seinen Werken in Form einer Zusammenfassung seiner Stellung in der englischen Literatur gewidmet.

Im Jahre 1954 wurde der hundertste Geburtstag Oscar Wildes in vielen Ländern auf verschiedene Weise gefeiert. Der London County Council brachte an dem Hause in der Tite Street, in dem er wohnte, eine Gedenktafel an und im Sommer fand in der Bibliothek von Trinity College in Dublin eine Sonderausstellung von Manuskripten und Büchern statt, die auf Oscar Wilde Bezug hatten.


1)       Jonathan Swift (1667-1745) - englischer Schriftsteller.

2)       Tobias G. Smollet (1721-1771) - englischer Romanschriftsteller.

3)       Thomas Carlyle (1795-1881) - englischer Historiker und Philosoph.

4)       Leigh Hunt (1784-1859) - englischer Essayist und Dichter.

5)       St. Evremonde (1610-1703) - französischer Offizier und Schriftsteller, der viele Jahre in England lebte. Seine Werke erschienen zuerst in englischer Sprache.

6)       George Eliot, Schriftstellername für Mary Ann Evans (1819-1880) - bekannte englische Schriftstellerin.

7)       Charles Kingsley (1819-1875) - englischer Dichter und Romanschriftsteller.