Zeitraster

Hier soll in groben Schritten sein Aufstieg und Fall geschildert werden. Eigentlich ist dieser Abschnitt noch nicht ganz ausgereift. Ich bitte also, wegen diverser fehlenden Punkte, um Nachsicht.

Bosies Eindruck von Constance, den er später niederschrieb, ist es wert, festgehalten zu werden:

"Ich mochte sie und sie mochte mich. Ungefähr ein Jahr nach unserer Begegnung erzählte sie mir, dass sie mich lieber habe als alle anderen Freunde Oscars. Sie war ein häufiger Gast im Hause meiner Mutter und nahm auch an einem Ball teil, den meine Mutter in ersten Jahr meiner Bekanntschaft mit ihrem Mann gab. Nach dem Debakel habe ich sie nie wiedergesehen, und ich zweifle nicht daran, dass es Ross und den anderen gelang, sie gegen mich aufzuhetzen, aber bis zum letzten Tag unserer Bekanntschaft waren wir die besten Freunde ...
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass Oscar während der Zeit, in der ich ihn kannte, nicht sehr nett zu seiner Frau war. Er war bestimmt (wie er mir oft erzählt hat) einmal sehr in sie verliebt gewesen, und ihre Hochzeit war eine reine Liebesheirat. As ich ihn kennen lernte, mochte er sie immer noch gern, aber er war oft ungeduldig mit ihr und fuhr sie manchmal an, und er verübelte ihr die leichte Missbilligung, die sie oft ihm gegenüber an den Tag legte, und zeigte es ihr auch."

Was Douglas, wie viele andere, an Wilde von Anfang an beeindruckte, war die Zaubermacht seiner Unterhaltung. "Ich kenne niemanden, der ihm nahegekommen wäre", erzählte Douglas mehr als 30 Jahre nach Wildes Tod. "Er spann einen Zauber um einen. Man saß da und lauschte ihm hingerissen. Alles schien Weisheit, Kraft, Schönheit und Verzauberung zu sein."
Douglas bestätigte später, dass Wilde ihm von Anfang an in jeder Hinsicht >den Hof machte<:

"Ständig bat er mich, mit ihm zu lunchen oder zu dinieren, und schicke mir Briefe, Briefchen und Telegramme. Er schmeichelte mir, beschenke mich und machte in jeder Hinsicht viel Wesens von mir. Er schenkte mir Exemplare von all seinen Büchern mit Widmungen. Er schrieb mir ein Sonett und überreichte es mir eines Abends beim Essen in einem Restaurant, nachdem wir uns ein halbes Jahr gekannt hatten. Es ist in der Methuen-Ausgabe enthalten und beginnt: »Die Sünde war mein, ich verstand es nicht.« Wer sich die Mühe macht, es sorgfältig zu lesen, wird deutlich erkennen, dass die >Vertraulichkeiten< (um Frank Harris´ Ausdruck zu gebrauchen) noch nicht begonnen hatten..."

Douglas scheint nicht gewusst zu haben, dass das Sonett in Wirklichkeit schon einige Jahre zuvor entstanden und bereits veröffentlicht worden war. Richtiger hätte es also heißen müssen, dass wilde das Gedicht bearbeitet und nicht speziell für Douglas geschrieben hatte.

Als Douglas mit dem Abstand von Jahren seine Autobiographie schrieb, war er darauf bedacht, Wilde nicht mehr Verantwortung dafür anzulasten, ihn >verdorben< zu haben, als es tatsächlich der fall war:

"Ich muss trotzdem sagen, dass mir jetzt klar ist, worin der Unterschied zwischen uns bestand: Ich war zu jener Zeit ein offener und natürlicher Heide, und er war ein Mann, der an Sünde glaubte und sie doch mit vollem Bewusstsein beging, wobei er ein doppelt perverses Vergnügen empfand. Ich war ein Junge, und er war ein blasé, ein sehr intellektueller und glänzend begabter Mann, der eine ungeheure Lebenserfahrung besaß. Es konnte gar nicht ausbleiben, dass ich seine Ansichten in großem Maße übernahm ... Lange nachdem Wilde gestorben, ich verheiratet war und mich völlig von dem Wildeschen Kult und dieser Tradition gelöst hatte, glaubte ich im Unterbewusstsein immer noch, dass er mehr oder weniger ein Prophet war und dass seine moralischen Auffassungen, ob sie einem nun gefielen oder nicht, auf abstrakter Wahrheit basierten und unwiderlegbar und unbestreitbar waren. Erst nachdem Wilde mindestem acht Jahre tot war und während ich immer noch in der Erinnerung an ihn lebte, kam mir das erste Mal der Gedanke, dass er in Wirklichkeit ein böser Mann war, von seinen sexuellen Verirrungen ganz abgesehen. Damals lernte ich allmählich das christliche System der Ethik begreifen, das ich so lange verachtet hatte."

Douglas räumte ein, dass er nicht unschuldiger gewesen war als andere Jungen seines Alters, als er Wilde kennen lernte:

"Gleich bei der zweiten Begegnung, als er mir ein Exemplar von Dorian Gray schenkte, das ich mit nach Oxford nahm, machte er Annäherungsversuche. Erst als ich ihn mindestens schon ein halbes Jahr kannte und er zweimal bei mir in Oxford übernachtet hatte, gab ich nach. Ich machte mit ihm und ließ ihn mit mir machen, was unter den Jungen in Winchester und Oxford passiert ... Analverkehr fand nie zwischen uns statt, weder wurde er versucht, noch wurde daran gedacht ... Diese Seite unserer Freundschaft sagte mir nie zu. Es war vollkommen gegen meine sexuellen Instinkte, die nach Jugend, Schönheit und Sanftheit strebten. Nach einer Weile merkte er, dass ich es überhaupt nicht mochte und nur ihm zu Gefallen damit einverstanden war, und sehr bald ließ er es ganz sein. Die letzten sechs Monate vor seiner Einlieferung ins Gefängnis fand nichts dergleichen zwischen uns statt, noch wurde zwei Jahre später, als er herauskam und ich ihn wiedertraf, auch nur davon gesprochen."

In der Zeit, als Bosie sich in London >herum trieb< schickte er an seinen Freund ein Sonett mit dem Titel »In Sarum Close« nach Babbacombe. Wilde bestätigte den Erhalt mit folgenden Worten:

"Mein einziger Junge, Dein Sonett ist entzückend, und es ist ein Wunder, dass diese roten Rosenlippen so gut geschaffen sind für den Wohlklang des Lieds wie für die Raserei der Küsse. Deine ranke goldene Seele wandelt zwischen Leidenschaft und Lyrik. Ich weiß: Hyakinthos, den Apoll so rasend liebte, das warst Du in den Tagen der Griechen."
Warum bist Du allein in London, und wann gehst Du nach Salisbury? Fahr dorthin und kühle Dir die Hände im grauen Dämmer der Gotik und komm hierher, sobald Du magst. Es ist reizend hier - nur Du fehlst; aber geh zuerst nach Salisbury.

Stets Dein Dich liebender Oscar"

Nachdem Douglas den Brief gelesen hatte, steckte er ihn in seine Tasche und vergaß ihn, was, wie wir noch sehen werden, unselige Folgen für ihn und Wilde haben sollte. Kurz darauf fuhr er nach Salisbury, wo seine Mutter und sein Lehrer auf ihn warteten. Er traf am Abend ein, laut Dodgson »in einem Wirbel von Telegrammen, mit zerzausten Haaren und stürzte sich sofort auf die redaktionelle Korrespondenz« für Spirit Lamp.

"Am nächsten Tag (schrieb Dodgson an Lionel Johnson) studierte Bosie mit Feuereifer seinen Platon eineinhalb Stunden lang. Dann teilte er mir beim Lunch in aller Ruhe mit, dass wir am Nachmittag nach Toquay zu Oscar Wilde reisen wurden. Ich japste überrascht, bin jedoch phlegmatisch und von kräftiger Konstitution, wurde mit dem Schock daher gut fertig, und resigniert verbrachte ich den ganzen Nachmittag damit, den Koffer wieder zu packen, den ich gerade erst ausgepackt hatte."

Da Douglas vergessen hatte, Wilde von ihrer Ankunft zu informieren, wurde »ein umfangreiches Telegramm« von Exeter abgeschickt. Schließlich kamen sie um neun Uhr in Babbacombe an und »speisten erlesen« mit ihrem Gastgeber, aber ohne dessen Frau, die zu Freunden nach Florenz gereist war. Am nächsten Tag schrieb Wilde an Lady Mount Temple und legte einen Scheck über die fällige Miete dazu:

"Babbacombe ist tatsächlich eine Art College oder Schule geworden, denn Cyril lernt Französisch im Kinderzimmer, und ich schreibe mein neues Stück im Wunderland, und im Salon studiert Lord Alfred Douglas - einer der Söhne Lady Queensberrys - mit seinem Hauslehrer Platon zur Vorbereitung für seine Prüfung in Oxford im Juni. Er und sein Lehrer verbringen einige Tage bei mir, ich bin also abends nicht einsam."

Wilde stellte eine Hausordnung für die »Schule von Babbacombe« auf, die erhalten geblieben ist:

Direktor - Mr. Oscar Wilde
Konrektor - Mr. Campbell Dodgson
Schüler - Lord Alfred Douglas

HAUSORDNUNG:

Tee für Lehrer und Schüler um 9 Uhr 30 morgens
Frühstück um 10 Uhr 30
Arbeiten 11 Uhr 30 bis 12 Uhr 30
Um 12 Uhr 30 Sherry und Biskuits für Direktor und Schüler (der Konrektor ist dagegen)
12 Uhr 40 bis 13 Uhr 30 Arbeit
13 Uhr 30 Lunch
14 Uhr 30 bis 16 Uhr 30 Versteckspiel mit dem Direktor (Pflichtfach)
17 Uhr Tee für Rektor und Konrektor, Cognac mit Soda (nicht mehr als sieben) für Schüler)
8 bis 19 Uhr Arbeit
19 Uhr 30 Abendessen, Champagnerzwang
20 Uhr 30 bis 24 Uhr Scade, pro Auge höchstens fünf Guinees
24 bis 1 Uhr 30 Lesen im Bett (Pflichtfach). Schüler, die bei Übertretung dieser Vorschrift ertappt werden, werden sofort aufgeweckt.

Nach Schluss des Schuljahrs wird dem Rektor von den dankbaren Schülern ein silbernes Tintenzeug überreicht werden, dem Konrektor ein Federmäppchen.

Douglas verbrachte, möglicherweise nach einer Auseinandersetzung, eine kurze Zeit, nach Erscheinen der Salomé, bei seiner Mutter in Salisbury. Offenbar schrieb er Wilde von dort aus, da er folgenden Antwortbrief erhielt:

Savoy Hotel
Victoria Embankment
London

"Liebster aller Jungen,

Dein Brief war köstlich, wie roter und goldener Wein; aber ich bin traurig und verstimmt. Bosie, Du darfst mir keine Szenen machen. Sie töten mich, sie zerstören den Reiz des Lebens. Ich kann Dich, attische Anmut, nicht von Leidenschaft entstellt sehen. Ich kann nicht den schön geschwungenen Lippen lauschen, wenn sie mir hässliche Dinge sagen. Lieber würde ich mich von jedem »renter« in ganz London erpressen lassen, als Dich bitter, ungerecht, gehässig zu sehen. Ich muss Dich bald sehen. Du bist das Göttliche, das ich brauche, die Anmut und Schönheit selber; aber ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll. Soll ich nach Salisbury kommen?

Meine Miete hier beträgt 49 Pfund die Woche. Ich habe auch einen neuen Salon über der Themse bezogen. Warum bist Du nicht hier, mein lieber, mein wunderbarer Junge? Ich fürchte, ich muss hier weg; kein Geld keinen Kredit, und ein Herz wie Blei.

Ganz Dein Oscar

Weniger erfreulich ist die Szene in Babbacombe, an die Wilde Douglas in De Profundis voll Bitterkeit erinnert:

"Einige Deiner Freunde aus Oxford kamen übers Wochenende auf Besuch. Am Morgen ihrer Abreise machtest Du eine so fürchterliche, so peinliche Szene, dass ich Dir sagte, wir müssten uns trennen. Ich weiß noch gut, wie wir auf dem gepflegten Rasen des ebenen Krockettplatzes standen und ich Dir auseinander setzte, dass wir einander nur das Leben schwer machten, dass Du meines völlig ruiniertest und dass ich Dich offensichtlich nicht Wirklich glücklich machte und dass unwiderrufliche Trennung, ein endgültiger Schlussstrich, die einzig kluge und philosophische Lösung sei. Du reistest nach dem Lunch schmollend ab, nicht ohne dem Butler einen Deiner kränkendsten Briefe mit der Anweisung hinterlassen zu haben, ihn mir nach Deiner Abreise auszuhändigen. Vor Ablauf von drei Tagen telegrafiertest Du aus London, ich möge Dir verzeihen und Dich zurückzukommen lassen. Ich hatte auf Dein Verlangen Deine eigenen Diener engagiert. Es tat mir immer mehr leid, dass Du ein Opfer dieser grässlichen Launenhaftigkeit warst. Ich hatte Dich gern. Und so ließ ich Dich zurückkommen und verzieh Dir ...

Als ich nach unserem Aufenthalt in Goring für zwei Wochen nach Dinard fuhr, warst Du mir sehr böse, weil ich Dich nicht mitnahm, machtest mir deshalb vor meiner Abreise mehrere sehr unerquickliche Szenen im Albemarle Hotel und schicktest mir ebenso unerquickliche Telegramme in das Landhaus, in dem ich ein paar Tage zu Gast war. Ich weiß noch, dass ich Dir sagte, es sei Deine Pflicht, eine Weile bei Deinen Angehörigen zu bleiben, nachdem Du den ganzen Sommer fern von ihnen verbracht hattest. Doch um die Wahrheit zu sagen, ich hätte Dich unter keinen Umständen um mich haben können. Wir waren fast zwölf Wochen lang zusammen gewesen. Ich brauchte Ruhe und musste mich von den schrecklichen Strapazen Deiner Gesellschaft erholen. Ich musste eine Weile mit mir allein sein. Es war eine intellektuelle Notwendigkeit."

Nach einem weiteren Streit schrieb Wilde an Lady Queensberry, die ihn mehr als einmal wegen ihres dritten Sohnes um Rat gefragt hatte, einen Brief:

"Bosies Gesundheitszustand scheint mir sehr bedenklich zu sein. Er kann nicht schlafen, ist nervös, beinahe hysterisch. Er scheint mir völlig verändert.
Er tut nichts in London. Vergangenen August hat er mein fanzösisches Drama übersetzt. Seitdem hat er keine wirkliche geistiger Arbeit geleistet. Ich habe den Eindruck, als hätte er - vorübergehend, wie ich hoffe - sogar jedes Interesse an der Literatur verloren. Er tut absolut nichts, führt ein chaotisches Leben und könnte, wenn Sie oder Drumlanrig nichts unternehmen, leicht auf die eine oder andere Art zu Schaden kommen. Sein Leben erscheint mir ziellos, unglücklich und absurd.
Das alles bereitet mir großen Kummer und große Enttäuschung, aber er ist sehr jung, und dem Temperament nach noch jünger. Sollte man nicht versuchen, ihn für vier, fünf Monate ins Ausland zu schicken, zu den Cromers nach Ägypten, wenn sich das einrichten ließe, wo er eine neue Umgebung, einen angemessenen Umgang und eine völlig andersartige Atmosphäre vorfände? Ich glaube, wenn er in London bleibt, wird er sich nicht bessern, wird vielleicht sogar sein junges Leben unwiderruflich ruinieren, ganz unwiderruflich. Selbstverständlich wird das Geld kosten, sicher, aber es geht um das Leben eines Ihrer Söhne - und das auf die schliefe Bahn gerät, dem Untergang zutreibt. Da ich mich gern für seinen engsten Freund halte - er jedenfalls berechtigt mich zu diesem Gefühl -, schreibe ich Ihnen ganz offen und bäte Sie, ihn ins Ausland in eine bessere Umwelt zu schicken. Ich bin überzeugt, dass es die Rettung für ihn wäre. Sein jetziges Leben ist in seiner törichten Ziellosigkeit ebenso tragisch wie pathetisch."

Lady Queensberry befolgte Wildes Rat und so fuhr Douglas, zu Wildes großer Erleichterung nach Ägypten. Vorher hatte er sich aber mit seinem Freund wieder versöhnt.

Als Wilde später auf sein Leben zurückblickte, erinnerte er Douglas an sein Verhalten vor seiner Abreise nach Kairo, als Wilde in St. Jame´s Place wohnte:

"In der ersten Woche ließest Du mich in Ruhe. Wir hatten uns kein Wunder - über den künstlerischen Wert Deiner Salomé-Übersetzung gestritten, und Du beschränktest Dich deshalb darauf, mir törichte Briefe zu schicken.

In dieser Woche schrieb ich den ganzen ersten Akt von Ein idealer Gatte fertig, bis ins Detail so, wie er schließlich aufgeführt wurde. In der zweiten Woche kamst Du wieder, und mit meiner Arbeit war es praktisch vorbei. Jeden Vormittag fuhr ich um halb zwölf zum St. James's Place, um dort denken und schreiben zu können, ohne Angst vor Störungen, wie sie selbst ein so stiller und friedlicher Haushalt wie der meine mit sich bringt. Doch der Versuch scheiterte. Um zwölf Uhr kamst Du vorgefahren und bliebst Zigaretten rauchend und schwatzend bis halb zwei, dann musste ich Dich zum Lunch ins Café Royal oder ins Berkeley führen. Lunch plus liqueurs dauerten meistens bis halb vier. Auf ein Stunde zogst Du Dich in den Club zurück. Zur Teezeit wenn Du wieder da und bliebst, bis es Zeit war, sich fürs Abendessen umzuziehen. Dann warst Du mein Gast zum Dinner, entweder im Savoy oder in der Tite Street. Meist trennten wir uns nach Mitternacht, da ein Souper bei Willis den entzückenden Tag würdig beschließen musste. So lebte ich diese drei Monate hindurch, Tag für Tag, bis auf die vier Tage, die Du verreist warst. Natürlich musste ich nach Calais hinüber und Dich abholen. Für einen Menschen meiner Art und meines Temperaments war dieses Leben grotesk und tragisch zugleich."

Douglas´ Briefe, die er während seines Ägyptenaufenthaltes an seine Mutter schrieb, zeigen deutlich, wie es um sein Gefühl zu Wilde stand:

"Ich bin ihm leidenschaftlich zugetan und er mir ... Es gibt nichts, was ich nicht für ihn täte, und wenn er vor mir stirbt, habe ich kein Interesse mehr am Leben. In dieser Liebe zweier Menschen zueinander, in der Liebe zwischen Schüler und Philosoph, gibt es nur Schönes und Wunderbares ... es hat keinen Sinn, mehr zu sagen, nur noch, dass ich vielleicht kein Recht habe, Oscar Wilde als einen guten Mann zu bezeichnen, aber weder Du noch jemand anders hat das Recht, ihn als einen schlechten Mann zu bezeichnen. Einen wirklich schlechten Mann könnte ich in intellektueller Hinsicht bewundern, aber niemals lieben, und was wichtiger ist, er könnte nie jemanden so treu, loyal, ergeben, selbstlos und rein lieben wie Oscar mich liebt."

Douglas reiste später von Kairo direkt nach Paris und flehte Wilde an, ihn dort zu treffen. Wilde erklärte sich schließlich auf Douglas` wiederholtes drängen hin dazu bereit. Dort fand ein sentimentales Wiedersehen statt, das Wilde dem jüngeren Mann später noch einmal schilderte:

"Ich kam nach Paris und Du brachst den ganzen Abend immer wieder in Tränen aus, die wie Regen über Deine Wangen flossen, zuerst während des Diners bei Voisin, anschließend beim Souper bei Paillard: Du zeigtest Freude über das Wiedersehen, fasstest so oft es ging nach meiner Hand wie ein braves, reuiges Kind. Du warst an diesem Abend voll ungekünstelter aufrichtiger Zerknirschung: und so gab ich nach und erneuerte unsere Freundschaft. Zwei Tage nach unserer Ankunft in London sah Dein Vater Dich mit mir beim Lunch im Café Royal, kam an meinen Tisch, trank von meinem Wein, und am gleichen Nachmittag holte er durch einen an Dich gerichteten Brief zu seinem ersten Schlag gegen mich aus."

Um Ihren Sohn von Wilde zu trennen, schickte Lady Queensberry Bosie nach Florenz, das er schon immer hatte sehen wollen.

"Ich vermisse Dich so sehr", schrieb Wilde als Antwort auf das Telegramm, mit dem Douglas ihm seine Ankunft in Florenz mitgeteilt hatte.
"Der glückliche, goldene, geliebte Bursche ist fort - und alle anderen Menschen hasse ich: Sie sind langweilig. Ich bin daher im purpurnen Tal der Verzweiflung, und keine Goldmünzen fallen vom Himmel, um mich zu trösten. London ist sehr gefährlich: Büttel kommen aus der Nacht und laden einen vor Gericht, das Brüllen der Gläubiger gen Tagesanbruch ist furchtbar und tollwütige Anwälte beißen um sich."

Wildes erwachendes Interesse an männlicher Schönheit, wie es in einigen seiner frühen Gedichten zum Ausdruck kommt, ist bereits bekannt. Er war sich der Bedeutung seines Interesses damals vielleicht gar nicht bewusst, da er erst ganz allmählich eine Neigung zur Bisexualität entwickelte. Vor seiner Ehe hatte er auf jeden fall Umgang mit prostituierten.

Wir wissen aber auf der anderen Seite, dass Wilde zu Beginn seiner Ehe sehr in seine Frau verliebt war und dass sie normalen Geschlechtsverkehr ausübten, dem zwei Söhne entstammten. Ja, er scheint ein begeisterter Liebhaber gewesen zu sein. Sherard gegenüber, den er zufällig in seinen Flitterwochen in Paris traf, ließ er sich spontan über die körperlichen Freuden der Ehe aus. Und als er einige Monate später einen Vortrag in Edinburgh hielt und das erste Mal von seiner Frau getrennt war, schrieb er ihr:

"Hier bin ich nun, und Du bist bei den Antipoden. O fluchwürdiges Leben, das unseren Lippen verwehrt, sich zu küssen, wenn auch unsere Seelen vereint sind ... Die Botschaften der Götter werden nicht durch Feder und Tinte übermittelt, auch könnte selbst Deine leibliche Anwesenheit hier Dich nicht wirklich machen: denn ich fühle Deine Finger in meinem Haar und Deine Wange an die meine geschmiegt. Die Luft ist erfüllt von der Musik Deiner Stimme, meine Seele und mein Leib gehören mir nicht mehr, sie sind in himmlischer Ekstase Dir verschrieben. Ohne Dich fühle ich mich unvollständig."

Als Douglas aus Ägypten zurückgekommen war, trafen sie sich wieder. Leider war der Frieden nur von kurzer Dauer. Schon bald schrieb Queensberry seinem Sohn beleidigende Briefe und drohte ihm erneut, sein Taschengeld zu streichen, wenn er Wilde nicht fallen lasse. Diese Korrespondenz kulminierte in einem maßlos ausfallenden Brief, den Queensberry am 1. April 1894 schrieb und aus dem folgender Auszug stammt:

"Deine intime Freundschaft mit diesem Mann Wilde hört auf oder ich verstoße Dich und streiche Dir sämtliche Geldzuwendungen. Ich werde nicht versuchen, diese Freundschaft zu analysieren, und enthalte mich jeder Beschuldigung; aber nach meiner Meinung ist es genauso schlimm, als etwas zu posieren wie es zu sein. Ich habe mit eigenen Augen die widerwärtigste und ekelerregendste Beziehung zwischen Euch gesehen, die Euer Benehmen und Euer Gesichtsausdruck verraten hat. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie solch einen Ausdruck gesehen wie auf Euren furchtbaren Gesichtern. Kein Wunder, dass die Leute über Euch so reden. Jetzt erfahre ich auch noch aus zuverlässiger Quelle, aber das mag falsch sein, dass seine Frau wegen Homosexualität und anderer Verbrechen die Scheidung eingereicht hat.
Stimmt das oder weißt Du nichts davon? Wenn ich dächte, das stimmte und würde in der Öffentlichkeit bekannt, hätte ich das Recht, ihn ohne weiteres zu erschießen."

Auf diesen erstaunlichen Erguss antwortete Alfred Douglas in einem berühmten Telegramm: Was für ein drolliger kleiner Mann Du bist.

Der Kampf ging jetzt in die Endrunde, und nun wurde nicht mehr verhalten geschlagen, um einen Ausdruck aus dem Lieblingssport des Marquis zu gebrauchen. Queensberry hatte seinem Sohn bereits das Taschengeld gesperrt und stürzte sich jetzt auf die Mutter des Jungen, auf seine eigene geschiedene Frau, die er beschuldigte, sich in die Auseinandersetzung einzumischen.

Zur gleichen Zeit schrieb Queensberry an Alfred Douglas, der seinem Vater Postkarten schrieb, da seine Briefe ungeöffnet zurückkamen. Queensberry teilte ihm mit dass alle weiteren Postkarten ungelesen ins Feuer wandern würden. Dann wiederholte er seine Drohung, ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen. »Du Reptil«, schloss diese väterliche Epistel. »Du bist nicht mein Sohn, und ich habe Dich nie dafür gehalten.«

Postwendend erklärte Douglas, dass ihn die absurden Drohungen seines Vaters vollkommen kalt ließen und dass er es darauf anlege, in möglichst vielen öffentlichen Restaurants mit Wilde gesehen zu werden. Er fuhr fort:

"Wenn W. eine Verleumdungsklage gegen Dich anstrengen würde, bekämst Du sieben Jahre Zuchthaus für Deine unverschämten Verleumdungen. So sehr ich Dich auch verabscheue, so möchte ich das doch um der Familie willen unbedingt vermeiden; aber wenn Du versuchst, tätlich gegen mich zu werden, werde ich mich mit einem geladenen Revolver verteidigen, den ich immer bei mir trage, und wenn ich Dich erschieße oder er Dich erschießt, steht das Recht ganz auf unserer Seite, da wir in Notwehr handeln würden, um uns gegen einen gewalttätigen und gefährlichen Rowdy zu verteidigen, und ich glaube, wenn Du tot wärst, würde Dich kaum jemand vermissen."

Sobald Wilde das Gebäude des Albemarle-Clubs das nächste Mal betrat, reichte ihm der Portier einen offenen Umschlag mit Queensberrys beleidigender Karte und sagte: »Lord Queensberry hat mich gebeten, Ihnen dieses hier zu geben, wenn Sie in den Club kommen, Sir.« Nachdem Wilde Queensberrys Karte gelesen hatte, ging er in das Hotel am Piccadilly, wo Douglas mit ihm gewohnt hatte aber inzwischen ausgezogen war. Hier schrieb er an Douglas und Ross und bat sie dringend zu sich. An Ross schrieb er folgenden Brief:

"Seit unserem letzten Zusammensein hat sich enges ereignet. Bosies Vater hat in meinem Club eine Karte mit schmutzigen Zeilen hinterlassen. Ich sehe keinen anderen Ausweg mehr als eine Strafverfolgung. Mein ganzes Leben scheint dieser Mensch zu zerstören. Der Elfenbeinturm wird von der Schändlichkeit bestürmt. Mein Leben verströmt in den Sand.
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn Du heute Abend um 23 Uhr 30 hierher kommen kannst, dann tu es bitte. Ich missbrauche Deine Liebe und Freundlichkeit und verpfusche auch Dein Leben. Ich habe Bosie gebeten, morgen zu kommen."

In diesem Zusammenhang sei auf einen eigenartigen, aber wenig bekannten Umstand hingewiesen. Wenn Wilde sich damals nicht in so akuter finanzieller Verlegenheit befunden hätte, wäre er vielleicht genau an dem Tag, an dem er in seinen Club ging, ins Ausland gefahren und hätte dann die Karte des Marquis gar nicht bekommen- oder jedenfalls erst nachdem so viel Zeit darüber hingegangen wäre, dass er sie als harmlos angesehen oder sich zu einem anderen Vorgehen entschlossen hätte. In den vorausgegangenen zwei Wochen hatte er vorwiegend im Avondale Hotel gewohnt und zwar mit Lord Alfred Douglas und einem Freund von diesem, die er beide als seine Gäste betrachtete. Für zehn Tage belief sich die Gesamtrechnung auf 140 Pfund. Sobald die beiden anderen aus dem Hotel ausgezogen waren, hatte Wilde gehofft, auf eine ausgedehnte Reise nach Frankreich zu gehen, aber der Hotelbesitzer erlaubte ihm nicht, sein Gepäck zu entfernen, bis er die Rechnung bezahlt hatte, wie Wilde Douglas später noch einmal ins Gedächtnis rief.

"Wäre die Hotelrechnung nicht gewesen, ich hätte am Donnerstagmorgen nach Paris reisen können. Statt in Humphreys' Büro schwächlich in meinen eigenen Untergang einzuwilligen, wäre ich an jenem fatalen Freitag glücklich und frei in Frankreich gewesen, weg von Dir und Deinem Vater, unbehelligt von seinen ekelhaften Karten und gleichgültig gegen Deine Briefe, wenn ich das Avondale Hotel hätte verlassen können. Aber die Leute vom Hotel weigerten sich entschieden, mich gehen zu lassen ... Darum musste ich in London bleiben. "

Da Wilde sich schon einmal mit Mr. Humphreys über Lord Queensberry beraten hatte, ergab es sich von selbst, ihn auch jetzt wieder zu Rate zu ziehen.

Als Wilde später aus dem Gefängnis an Lord Alfred Douglas schrieb, schilderte er die damalige Situation folgendermaßen:

"Sobald der Haftbefehl ausgestellt war, lenkte Dein Wille selbstverständlich alles Weitere. Während ich mich in London um kundigen Rat bemühen und in Ruhe die gemeine Falle hätte studieren sollen, in der ich mich hatte fangen lassen - die Gimpelfalle, wie Dein Vater sie noch heute nennt -, musste ich unbedingt mit Dir nach Monte Carlo fahren, ausgerechnet an diesen abstoßendsten aller Orte auf Gottes weiter Welt, damit Du Tag und Nacht, solange das Casino geöffnet war, am Spieltisch sitzen konntest. Ich konnte mir - da das Bakkarat mich nicht reizt - draußen die Zeit vertreiben. Du warst nicht dazu zu bewegen, auch nur fünf Minuten lang mit mir die Lage zu beraten, in die Ihr, Du und Dein Vater, mich gebracht hattet ...
Als wir nach London zurückkehrten, beschworen mich Freunde, die wirklich um mein Wohl besorgt waren, ich solle ins Ausland gehen, mich nicht auf einen unmöglichen Prozess einlassen. Weil sie mir diesen Rat gaben, unterstelltest Du ihnen niedrige Motive, und mich nanntest Du feige, weil ich ihn anhörte. Du zwangst mich zu bleiben und die Sache mit allen Mitteln durchzufechten, wenn möglich im Zeugenstand durch Leistung von absurden und dummen Meineiden. Am Erde wurde ich natürlich festgenommen, und Dein Vater war der Held des Tages."


Bei einem treffen mit Frank Harris, der frühere Herausgeber von The Fortnightly Preview, Bernard Shaw und Douglas im Café Royal, versuchte Harris Wilde klarzumachen, warum er nicht als Zeuge bei dem Prozess aussagen wollte:

"Zuerst einmal wollen wir davon ausgehen, dass Sie den Prozess gegen Queensberry verlieren. Sie machen sich nicht klar, was Ihnen bevorsteht. Das wird keine gescheite Unterhaltung über Ihre Bücher werden. Sie werden eine Reihe von Zeugen aufmarschieren lassen, die mit Kunst und Literatur nicht das geringste zu tun haben. Clarke wird den Fall niederlegen ... Sie sollten ins Ausland gehen und als Trumpfes Ihre Frau mitnehmen. Nun zu der Entschuldigung. Ich würde mich hinsetzen und einen Brief, wie nur Sie allein ihn schreiben können, an The Times schreiben. Sie sollten darlegen, dass Sie von dem Marquis von Queensberry beleidigt worden seien und verständlicherweise Rechtsmittel dagegen eingelegt hätten, aber dann hätten Sie sehr bald gemerkt, dass das ein Fehler gewesen sei. Kein einziges Gericht würde einen Vater verurteilen, möge er sich auch noch so sehr im Unrecht befinden. Ihnen bleibe deshalb nichts anderes übrig, als ins Ausland zu gehen und den ganzen Ring mit den Handschuhen und Seilen, den Schwämmen und Kübeln Lord Queensberry zu überlassen. Sie seien Schöpfer schöner Dinge, sollten Sie sagen, und kein Kämpfer, während der Marquis von Queensberry nur am Kämpfen Freude finde, Sie sollten sich weigern, unter diesen Umständen mit einem Vater zu kämpfen ... Aber bleiben Sie auf keinen Fall hier und klammern Sie sich nicht an Strohhalme wie Aussagen über Dorian Gray ... Ich weiß, was passieren wird ... ich weiß, weiche Beweise sie in der Hand haben. Sie müssen gehen."

Auch Shaw fand, darauf angesprochen diese Argumentation einleuchtend.

So kam es, wie es kommen musste:

Sobald der Richter am vierten Prozesstag seinen Platz eingenommen hatte, erhob sich Gill und verkündete die Entscheidung der Anklage, die Beschuldigung der Verschwörung fallen zulassen. Das rief unter den Zuschauern im Gerichtssaal beträchtliche Überraschung hervor. Daraufhin stand auch Sir Edward Clarke auf und protestierte. »Euer Ehren«, sagte er, »wenn diese Punkte sofort zurückgezogen worden wären, hätte ich bei Eurer Lordschaft den Antrag gestellt, die Anklage gegen die beiden Angeklagten in getrennten Verfahren zu behandeln.« Er stimmte jedoch zu, dass der Kronanwalt juristisch vollkommen im Recht war, die Anklagepunkte zu einem beliebigen Zeitpunkt während des Verfahrens zurückzuziehen. Auch der Richter stimmte zu. »Nachdem die Zeugen ihre Aussagen gemacht hatten«, bemerkte er, »hatte auch ich den Gedanken, dass die Anklage der Verschwörung vollkommen überflüssig war.« Gills Entscheidung führte dazu, dass alle Einschränkungen in Bezug auf die Aussage, die Wilde und sein Mitangeklagter zu machen wünschten, aufgehoben wurden. Dann eröffnete Sir Edward Clarke seine Verteidigung und richtete das Wort ziemlich lange an die Geschworenen. »Ich werde Mr. Wilde als Zeugen aufrufen«, begann er. »Diese Entscheidung, ihn als Zeugen aufzurufen, ist nicht aufgrund von Mr. Gills gerade gemachter Erklärung gefallen - aber diese späte Zurücknahme von Anklagepunkten, die nie in der Anklage hätten erscheinen dürfen, wenn sie nicht verhandelt werden sollten, hat mich auf jeden Fall in meinem Entschluss bestärkt, Mr. Wilde aufzurufen.« Wildes Anwalt befasste sich dann mit der literarischen Seite des Falles, wie er es nannte. »Der Fall ist von einem großen Teil der Presse auf eine Art und Weise kommentiert worden, die ich für schändlich halte«, sagte er. »Solch ein Verhalten gefährdet die Rechtsprechung und schadet den Interessen der Angeklagten aufs höchste. Mr. Gill hat Sie gebeten, alles, was Sie in den Zeitungen gelesen haben, aus Ihren Gedanken zu verbannen. Das war eine ganz faire Bitte von Mr. Gill. Aber ich glaube nicht, dass es ganz fair von Mr. Gill war, das Kreuzverhör Mr. Wildes über seine Schriften vorzulesen, das Sie gehört haben. Es ist nicht fair, einen Mann nach seinen Büchern zu beurteilen. Coleridge hat vor langer Zeit einmal gesagt: >Beurteile keinen Mann nach seinen Büchern, ein Mann ist besser, bedeutender als seine Bücher.< Der Dichtung und der Prosa meines Klienten sind geheime Bedeutungen unterstellt worden, die ganz und gar nicht gerechtfertigt sind, und offenbar bemüht man sich, wenn auch vergebens, Mr. Wilde aufgrund einer lüsternen Auslegung bestimmter Werke zu verurteilen, die seine Feinde dort hineininterpretiert haben. Ich beziehe mich dabei besonders auf Das Bildnis des Dorian Gray.« »Die sonderbare Unfairness in diesem Fall«, sagte Clarke, bestehe darin, dass der Versuch unternommen worden war - und sich durch das Vorlesen von Wildes Kreuzverhör beim Queensberry-Prozess wiederholt hatte -, Wilde nicht nach seinen eigenen Büchern zu beurteilen, sondern nach Büchern, die er nicht geschrieben hatte, und ihn nach einer Geschichte (Der Priester und der Akolyth) zu beurteilen, die nicht aus seiner Feder stammte und die er für entsetzlich und widerwärtig hielt.

Als er sich mit den Umständen des ersten Prozesses befasste, betonte Clarke, dass die Angelegenheit nur deshalb in die Öffentlichkeit gekommen sei, weil sein Klient Lord Queensberry wegen Verleumdung angeklagt hatte, und nur deshalb befinde er sich jetzt in einer kritischen Situation. »Männer, die der Vergehen angeklagt worden sind, deren Mr. Wilde beschuldigt wird, schrecken vor einer Untersuchung zurück«, sagte er, »und nach meiner Auffassung ist die Tatsache, dass Mr. Wilde einen öffentlichen Prozess angestrengt hat, der Beweis seiner Unschuld. Das ist noch nicht alles. Ein paar Tage vor dem ersten Prozess wurden bestimmte Beschuldigungen gegen ihn mit Namen und Daten bekannt. Am 30. März kannte Mr. Wilde den Katalog der Beschuldigungen, die in Lord Queensberrys Rechtfertigungsgründen enthalten waren. Meine Herren Geschworenen, glauben Sie, dass er in England geblieben und sich diesen Anschuldigungen gestellt hätte, wenn er schuldig gewesen wäre? Männer, die solcher Vergehen schuldig sind, leiden an einer besonderen Art des Irreseins. Was würden Sie von einem Mann halten, der weiß, dass er schuldig ist und dass die Beweise von den verschiedensten Stellen kommen werden, und dann darauf drängt, den Fall vor die Öffentlichkeit zu bringen? Irre wäre kaum das richtige Wort, wenn Mr. Wilde wirklich schuldig gewesen wäre und sich trotzdem dem Ermittlungsverfahren stellte. «

Wilde verließ jetzt die Anklagebank und trat in den Zeugenstand. Er beantwortete die Fragen seines Anwalts ruhig und überlegt und machte keinen Versuch sich aufzuspielen, wie er es beim ersten Prozess getan hatte. Nachdem er über seine Laufbahn als Schriftsteller und Dramatiker ausgesagt hatte, erklärte er, dass er seit seiner Eheschließung im Jahre 1884 mit seiner Frau in Tite Street gelebt habe. »Zeitweise habe ich auch einige Räume in St. James's Place bewohnt die ich für meine literarische Arbeit mietete«, fuhr er fort, »da es natürlich ganz unmöglich war, in meinem eigenen Haus mit zwei kleinen Söhnen die notwendige Ruhe und geistige Konzentration zu finden.«

»Waren die Aussagen, die Sie beim Queensberry Prozess machten, vollkommen und in jeder Hinsicht wahr?«

»Vollkommen wahr.«

»Ist an den in diesem Prozess aufgestellten Behauptungen, dass Sie unzüchtige Handlungen begangen haben, etwas Wahres daran? «

»An keiner der Behauptungen ist etwas Wahres.«

Dann erhob sich Charles Gill, um den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. »Sie kennen eine Zeitschrift mit dem Namen The Chameleon?« begann er.

»O ja, sehr gut«, erwiderte Wilde mit gezwungenem Lächeln.

»Soweit ich weiß, schrieb Lord Alfred Douglas oft Beiträge dafür?«

»Das glaube ich kaum. Er schrieb gelegentlich einige Verse und eigentlich für andere Zeitschriften.«

»Beim letzten Prozess bezeichneten Sie sie als wunderschöne Gedichte.«

»So etwas Ähnliches habe ich gesagt. Thema und Aufbau waren originell, und ich bewunderte sie.«

»Hören Sie, Mr. Wilde«, fuhr Gill fort. »Ich werde Sie nicht sehr lange im Zeugenstand behalten.« Dann ergriff der Anwalt ein Exemplar von The Chameleon mit seinem charakteristischen grünen Umschlag und las daraus ein Gedicht mit dem Titel In Praise of Shame (Zum Lob der Scham) vor.

An diesem Punkt schaltete sich der Richter ein. »Wie ich höre war das ein Gedicht von Lord Alfred Douglas.«

»Ja, euer Ehren«, sagte Gill und setzte mit sarkastischer Stimme hinzu, »und eins, das der Zeuge als ein wunderschönes Gedicht bezeichnete.

»Ich möchte nur dies sagen, Euer Ehren«, erwiderte Wilde. »Es ist nicht meine Aufgabe, das Werk eines anderen zu erklären. Es ist nicht mein Werk. Aber das Wort >Scham< steht hier im Sinne von >Bescheidenheit<. Ich meine, mir lag daran zu zeigen, dass >Scham, die kalte Lippen in Feuer verwandelt< - ich habe den genauen Wortlaut vergessen - ein intensiviertes Gefühl der Bescheidenheit ist.«

»Nach Ihrer Ansicht, Mr. Wilde«, sagte Gill, »ist die hier erwähnte >Scham< die Scham, die ein Gefühl der Bescheidenheit ist?«

»Diese Erklärung habe ich von der Person bekommen, die es geschrieben hat. Das Sonett fand ich sehr unverständlich.«

»Während der Jahre 1893 und 1894 waren Sie sehr viel mit Lord Alfred Douglas zusammen?«

»O ja.«

»Hat er Ihnen dieses Gedicht vorgelesen?«

»Ja.«

»Sie können vielleicht verstehen, dass Verse dieser Art einem Leser mit normaler Geisteshaltung nicht zusagen würden?«

»Da bin ich überfragt«, erwiderte Wilde. »Mir scheint es eine Frage des Geschmacks, des Temperaments und der individuellen Neigung. Ich möchte sagen, was dem einen Poesie, ist dem anderen Häresie.«

»Das kann man wohl sagen«, bemerkte Gill trocken, als das Gelächter verstummt war. »Das nächste Gedicht heißt Two Loves. Wurde Ihnen dieses Gedicht erklärt?«

»Ich finde, da gibt es nichts zu erklären.«

»An seiner Bedeutung besteht gar kein Zweifel?«

»Auf gar keinen Fall.«

»Geht daraus nicht klar hervor, dass die hier beschriebene Liebe sich auf natürliche und unnatürliche Liebe bezieht?«

»Nein. «

»Was ist die >Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt<?«, fragte Gill jetzt. »>Die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt< ist in diesem Jahrhundert die große Zuneigung eines älteren Mannes zu einem jüngeren Mann, wie sie zwischen David und Jonathan bestand, wie Plato sie zur Grundlage seiner Philosophie machte, und wie Sie sie in den Sonetten von Michelangelo und Shakespeare finden. Es ist jene tiefe, geistige Zuneigung, die genauso rein ist wie sie vollkommen ist. Sie bestimmt und durchdringt große Kunstwerke wie die Shakespeares und Michelangelos und jene beiden Briefe von mir. Diese Zuneigung wird in diesem Jahrhundert missverstanden, und zwar so gründlich, dass sie als die >Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt< bezeichnet werden kann, und aufgrund dessen stehe ich jetzt hier. Sie ist schön, sie ist makellos, sie ist die vornehmste Art der Zuneigung. Daran ist überhaupt nichts Unnatürliches. Sie ist intellektuell und existiert oft zwischen einem älteren und einem jüngeren Mann, wo der ältere Intellekt und der jüngere Mann all die Freude, Hoffnung und den Glanz des Lebens vor sich hat. Das es so etwas gibt versteht die Welt nicht. Die Welt spottet darüber und stellt einen manchmal dafür an den Pranger.«

Nach Wildes Worten kam spontaner Beifall, mit einigen Pfiffen vermischt von der öffentlichen Galerie, worauf der Richter erklärte, dass er den Saal räumen lassen werde, wenn es weitere Gefühlsausbrüche gebe. Es besteht jedoch gar kein Zweifel daran, dass Wildes Worte einen unvergesslichen Eindruck auf all jene machten, die ihn hörten, nicht zuletzt die Geschworenen. Dieser Zwischenfall schien auch Wildes Selbstvertrauen im Zeugenstand zu stärken.

»Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Stil Ihrer Korrespondenz mit Lord Alfred Douglas lenken«, fuhr Gill in seinem Kreuzverhör fort.

»Ich stehe zur Verfügung«, erwiderte Wilde. »Ich schäme mich nie des Stils meiner Schriften.«

»Sie sind gut dran, oder sollte ich sagen schamlos?« lautete Gills treffende Entgegnung. »Ich beziehe mich besonders auf Abschnitte in zwei Briefen.«

»Bitte nennen Sie sie.«

»In Brief Nummer eins benutzen Sie den Ausdruck >Deine ranke, goldene Seele<, und Sie beziehen sich auf Lord Alfreds >rote Rosenlippen<. Der zweite Brief enthält die Worte >Du bist das Göttliche, das ich brauche<, und Sie bezeichnen Lord Alfreds Brief als >köstlich, wie roter und goldener Wein<. Glauben Sie, dass ein Durchschnittsbürger einen jüngeren Mann mit solchen Ausdrücken anreden würde?«

»Ich bin, glaube ich, glücklicherweise kein Durchschnittsbürger.« »Es ist angenehm, mit Ihnen übereinstimmen zu können«, sagte Gill mit einer ironischen Verbeugung zu dem Zeugen, der in seiner Erklärung über die Korrespondenz fortfuhr.

»Ich versichere Ihnen, dass in keinem Brief etwas steht dessen ich mich schämen müsste. Der erste Brief ist wirklich ein Gedicht in Prosa und der zweite eine mehr literarische Antwort auf einen Brief, den Lord Alfred Douglas mir zugeschickt hatte.«

Gill wandte sich dann den einzelnen Anklagepunkten zu und begann mit den Vorfällen im Savoy Hotel, die Wilde zur Last gelegt wurden. "Möchten Sie den Aussagen des Hotelpersonals widersprechen?« fragte er.

»Sie sind vollkommen falsch«, erklärte Wilde mit einigem Nachdruck. "Muss ich dafür gerade stehen, was das Hotelpersonal sagt, Jahre, nachdem ich das Hotel verlassen habe? Das ist kindisch. Ich bin nicht für Hotelpersonal verantwortlich. Ich habe in dem Hotel gewohnt und bin seitdem wiederholt dort gewesen. «

"Ein Irrtum ist ausgeschlossen? Es war keine Frau bei Ihnen?«

»Bestimmt nicht.«

Mit gleichem Nachdruck leugnete Wilde alle unzüchtigen Handlungen, deren Shelley, Charles Parker, Atkins und Wood ihn beschuldigten und nach denen der Vertreter der Anklage ihn ausfragte. »Sie sagen also, dass diese Zeugen samt und sonders gelogen haben?« fragte Gill, nachdem er sich mit jedem einzelnen von ihnen befasst hatte.

»Ihre Aussagen über meine Beziehung zu ihnen sind, was das Essen und die kleinen Geschenke betrifft, die ich ihnen gemacht habe" zum größten Teil richtig«, entgegnete Wilde. »Aber der Teil der Aussage, in dem von unsittlichem Verhalten die Rede ist enthält auch nicht ein Fünkchen Wahrheit.«

»Warum haben Sie sich mit diesen jungen Männern abgegeben?«

»Ich liebe die Jugend!«

»Sie verherrlichen die Jugend wie eine Art Gottheit?«

»Ich studiere junge Menschen gern in allem, was sie tun. Für mich hat Jugendlichkeit etwas Faszinierendes.«

»Sie würden also Welpen Hunden und Kätzchen Katzen vorziehen?«

»Ich glaube«, antwortete Wilde nach einer kleinen Pause. »Ich würde z. B. die Gesellschaft eines bartlosen Rechtsanwalts ohne Prozessvollmacht genauso genießen wie der tüchtigste Kronanwalt.« Diese Bemerkung wurde mit lautem Lachen quittiert. »Ich hoffe, er wird dieses Kompliment zu würdigen wissen«, gab Gill zurück und rief damit erneutes Gelächter hervor. »Diese Jugendlichen waren gesellschaftlich weit unter Ihrem Stand?«

»Ich habe mich nie danach erkundigt, noch hat es mich interessiert, von welchem Stand sie waren. Ich fand sie zum größten Teil aufgeweckt und unterhaltsam. Ich empfand die Unterhaltung mit ihnen als eine Abwechslung. Sie hatte die Wirkung eines geistigen Stärkungsmittels.«

»Sie machten all diesen jungen Burschen hübsche Geschenke?«

»Verzeihen Sie, da bin ich anderer Ansicht. Ich schenkte zwei oder drei von ihnen ein Zigarettenetui. Jungen aus dieser Schicht rauchen eine Menge Zigaretten.

Ich habe eine Schwäche dafür, meinen Bekannten Zigarettenetuis zu schenken.«

»Eine ziemlich teure Schwäche, wenn ihr wahllos nachgegeben wird, nicht wahr?«

»Aber nicht so extravagant, wie juwelenbesetzte Strumpfbänder an Damen zu verschenken! «

Diese schlagfertige Antwort, mit der das Kreuzverhör zu Ende ging, fand den besonderen Beifall des Anwalts, da Gill in dem Ruf stand, ein großer Freund der Damen zu sein.

Anschließend befragte Sir Edward Clarke seinen Klienten sehr kurz und beschränkte sich dabei auf die Briefe an Lord Alfred Douglas, die Wood sich widerrechtlich angeeignet hatte. »Wood gab mir drei Briefe wieder«, sagte Wilde. »Es waren keine besonders wichtigen Briefe, aber niemand hat es gern, wenn seine privaten Briefe gelesen werden. Sie enthielten einige verächtliche Anspielungen auf andere Leute, und ich wollte nicht dass sie bekannt würden. Dann bekam ich einen anonymen Brief, in dem stand, dass Wood andere Briefe habe und beabsichtige, mit ihrer Hilfe Geld zu erpressen. Dafür habe ich überhaupt kein Geld gezahlt, aber ich gab Wood etwas Geld, damit er nach Amerika gehen konnte. «

Am Ende des Prozesses kam es zur Urteilsverkündung. Der Richter wandte sich an die beiden Angeklagten auf der Anklagebank:

»Oscar Wilde und Alfred Taylor, das Verbrechen, dessen Sie für schuldig befunden worden sind, ist so furchtbar, dass man sich stark zurückhalten muss, um nicht die Gefühle, die in der Brust jeden Mannes von Ehre aufsteigen müssen, der die Einzelheiten dieser beiden schrecklichen Prozesse gehört hat, in einer Sprache zu beschreiben, die ich lieber nicht benutzen würde. Ich hege auch nicht den Schatten eines Zweifels daran, dass die Geschworenen in diesem Fall ein gerechtes Urteil gefällt haben; und ich hoffe sehr, dass diejenigen, die den Richter manchmal für halbherzig in Sachen Moral und Anstand halten, weil er dafür Sorge trägt, dass der Fall objektiv verhandelt wird, erkennen mögen, dass das sehr wohl mit der ungeheuerlichen Entrüstung über die gegen Sie beide vorgebrachten Anklagen vereinbar ist.
Ich sehe keinen Sinn darin, zu Ihnen zu sprechen. Menschen, die dieser Dinge fähig sind, können kein Schamgefühl haben, und man kann nicht hoffen, irgendeinen Einfluss auf sie auszuüben. Es ist der schlimmste Prozess, den ich je geführt habe. Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass Sie, Taylor eine Art Männerbordell betrieben haben. Und es ist genauso unmöglich, daran zu zweifeln, dass Sie, Wilde, der Mittelpunkt eines Kreises waren, in dem eine Sittenverderbnis der abstoßendsten Art unter jungen Männern herrschte.
Unter diesen Umständen werde ich die schwerste Strafe verhängen müssen, die das Gesetz erlaubt. Nach meinem Dafürhalten ist sie für einen Fall wie diesen vollkommen unzureichend. Das Gericht verurteilt jeden von Ihnen zu zwei Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit.«

Der National Observer veröffentlichte einen Leitartikel, wahrscheinlich von Charles Whibley, und griff darin den erfolglosen Ankläger im Queensberry Prozess scharf an.

"Jeder Mann und jede Frau in der englischsprechenden Welt, die einen gesunden Geist ihr eigen nennen dürfen, ist dem Marquis von Queensberry zu tiefstem Dank verpflichtet, dass er den Hohepriester der Dekadenz vernichtet hat. Der obszöne Schwindler, dessen prominente Stellung eine gesellschaftliche Schande ist, seit er seine Laster, Torheiten und Eitelkeiten von Trinity Dublin nach Oxford mitbrachte, ist endlich entlarvt worden, und zwar gründlich. Aber die Entlarvung braucht ein juristisches und gesellschaftliches Nachspiel. Es muss ein weiterer Prozess im Old Bailey folgen oder eine amtliche Leichenschau - letzteres am liebsten; und mit den Dekadenten, ihren abscheulichen Theorien über die Bedeutung der Kunst, mit ihren Machenschaften, die schlimmer sind als die Eleusinischen Mysterien, muss endgültig Schlusssein."

W. E. Henley schrieb einen bezeichnenden Brief an Charles Whibley und vergalt so das Mitgefühl, das Wilde ihm beim Tode seiner Tochter erwiesen hatte:

"Ja: Oscar mit dem Rücken an dar Wand bot im großen und ganzen einen erfreulichen Anblick. Natürlich schwirren allerlei Gerüchte herum, aber ich glaube, dass keine weiteren Verhaftungen vorgenommen werden, und dass der Moral Genüge getan wird, wenn Oscar zwei Jahre bekommt, was er natürlich wird. Warum er nicht in Monte Carlo geblieben ist, nachdem er einmal dort war weiß Gott allein, Nachdem ... er zurückgekehrt ist, um für seine Sache gerade zustehen und den römischen Narren für Cäsars Schicksal zu spielen, kann ich nur vermuten, dass er, ob aus persönlicher oder beruflicher Eitelkeit, vollkommen verrückt war. Wie dem auch sei, jetzt ist er jedenfalls nicht mehr verrückt. In Bow Street und Holloway musste er sich in mehr als einer Hinsicht einen anderen Anzug anziehen, und ich bin ziemlich sicher, dass es ihn verdammt dreckig geht ... ich habe gehört, dass er krank ist; und ich bin sehr froh darüber."