Produktionsnotizen zu Oscar Wilde (1997)
aus dem Programmheft "Oscar Wilde - ein Film von Brain Gilbert"

Produktionsnotizen

Nach dem Erfolg der Filmbiographie TOM & VIV lag es für die Produzenten Marc und Peter Samuelson sowie Regisseur Brian Gilbert auf der Hand, ihre Zusammenarbeit mit einem neuen Projekt fortzusetzen. Rasch kam man auf die faszinierende Lebensgeschichte des Dichters und Dandys Oscar Wilde, vermittelt durch die 1988 veröffentlichte, ebenso packende wie ungeschminkte Biographie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Richard Ellmann († 1987). (Die deutsche Ausgabe ist 1991 im Münchner Piper-Verlag erschienen, seit März '97 liegt "Oscar Wilde" auch als Paperback vor.)

Den Samuelsons gelang, was Regisseur Gilbert bereits einige Jahre zuvor noch vergeblich versucht hatte - sie konnten die Filmrechte erwerben. Mit der Kinoadaption von Ellmanns monumentalem Werk wurde der Dramatiker und Drehbuchautor Julian Mitchell beauftragt, und schließlich war WILDE nach fast zweijähriger Entwicklungszeit reif für die Leinwand.

Familienwerte

Ein zentraler Aspekt bei der Darstellung Wildes auf der Leinwand betrifft einen Charakterzug, der oft übersehen wird seine Ergebenheit gegenüber seiner Frau, Constance, und seinen beiden Söhnen, Cyril und Vyvyan. In "Son of Oscar Wilde" (New York 1954), Vyvyan Hollands Erinnerungen, wird er als wundervoller Vater geschildert, der etwa das Spielzeug seiner Söhne repariert und ihnen Geschichten erzählt.

Oscars Ehe mit Constance spielte eine äußerst wichtige Rolle für ihn. "Die Geschichte ihrer Beziehung", meint Julian Mitchell, "hätte früher wohl nur in hartem Schwarz-Weiß gezeichnet werden können. Heute können wir wesentlich mehr Zwischentöne hineinbringen. Constance ist eine sehr sympathische Person, und sie gab ihr Bestes und hat sich wirklich sehr, sehr anständig verhalten, obwohl ihr hunderte von Leuten in ihrer Umgebung geraten haben, diesen Mann einfach fallen zulassen."

"Ich denke, man unterschlägt leicht, dass dies eine Männer-Gesellschaft war. Die Geschlechter waren viel stärker getrennt als heutzutage. So pflegte Oscar Constance zu sagen, was sie anziehen solle. Er hat sie quasi erfunden - sie für die Kleiderreform begeistert und sie zur Mitarbeit in verschiedenen Frauenorganisationen ermutigt. Aber es war eben eine von Männern dominierte Gesellschaft - eine Art Club-Gesellschaft - und wenn Männer gemeinsam loszogen, war das kein großes Thema. Man hatte seiner Frau zwei Kinder geschenkt - was konnte sie sonst noch verlangen? Und in der Upper Class bestand die einzige Aufgabe der Frau darin, ihrem Ehemann zwei legitime Söhne zu präsentieren."

Der Schauspieler Stephen Fry, seit seiner Schulzeit ein entschiedener Anhänger Wildes, hofft, dass dieser Film einen Eindruck von Oscars Güte und Großzügigkeit vermitteln kann und auch die Bedeutung der Familie glaubwürdig wirkt, obwohl er sie ganz offensichtlich vernachlässigt. ja, das hat er getan, genauso wie heterosexuelle Männer ihre Ehefrauen verlassen. Sie begehen Ehebruch, aber das muss nicht bedeuten, dass sie ihre Frau und ihre Kinder nicht lieben. Er hat sich nicht für immer von ihnen getrennt, er saß im Gefängnis. Seine Frau starb, und ihre Verwandten setzten mit Hilfe eines Anwalts durch, dass er seine Kinder nicht mehr wiedersehn durfte. Und im Rahmen der ganzen Katastrophe war das die Nachricht, die ihm dann das Herz gebrochen hat."

"Oscar Wilde war kein hundertprozentiger, 'professioneller' Homosexueller - ja dieser Begriff existierte vor André Gide, der ihn dann eher als Substantiv denn als Adjektiv einführte, noch gar nicht, - und seine Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern war absolut. Auf manche mag das ziemlich seltsam wirken, nach dem Motto: 'Man sollte hier doch eindeutige Zuweisungen treffen', aber der Film vertritt eine Sichtweise, die komplexer und realistischer ist.