Der Jugendstil

Jugendstil, international bedeutsame Stilrichtung in der angewandten und bildenden Kunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die außer in der Malerei und Bildhauerei besonders in der Architektur und Innenarchitektur, im Möbeldesign, in der Plakat-, Glas- und Textilkunst, der Keramik und der Buchillustration ihre Ausprägung fand, sich aber auch in den Bereichen Literatur und Musik niederschlug. Die neue Bewegung manifestierte sich in Österreich im so genannten Secessionsstil, in Frankreich und England als Art Nouveau (im angloamerikanischen Raum auch Modern Style genannt), in Italien als Stile florale oder Stile Liberty (nach einem einflussreichen englischen Vertreter dieser Stilrichtung). Während sich die deutsche Bezeichnung von der 1896 gegründeten Zeitschrift Die Jugend ableitete, geht der französische Ausdruck Art Nouveau, der sich international durchsetzte, auf die Galerie La Maison de l’Art Nouveau zurück, die der Hamburger Kunsthändler Siegfried Bing Ende des 19. Jahrhunderts in Paris eröffnet hatte.

Formale Elemente

Typische Merkmale des Jugendstils sind einerseits lange, geschwungene Linien, die sich die organischen Formen von Pflanzen zum Vorbild nehmen, aber auch flächig-lineare geometrische Ornamente mit einer Tendenz zum Asymmetrischen, edle, oft exotische Materialien in vollendeter handwerklicher Verarbeitung und eine starke Neigung zum Kunstvollen, Elitären. Ein wesentliches Anliegen des Jugendstils war die Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben sowie zwischen den einzelnen Künsten. Viele Jugendstilkünstler betätigten sich demnach auf mehreren Gebieten.

Starke Einflüsse erhielt der Jugendstil von verschiedenen bestehenden Kunstströmungen, wie der japanischen Kunst mit ihren Farbholzschnitten oder dem französischen Spätimpressionismus, besonders jedoch durch den Anspruch künstlerischer Formgebung, wie er von William Morris und dem von ihm ins Leben gerufenen Arts and Crafts Movement vertreten wurde.

England und Schottland

In England reichen die frühesten Wurzeln des Jugendstils, der besonders durch die Buchkunst von William Morris propagiert wurde, zurück bis zu William Blake und den Präraffaeliten. Der englisch-schottische Architekt und Zeichner Arthur Mackmurdo, der 1882 in London eine Werkstatt für Inneneinrichtung gründete, trug maßgeblich zu dessen früher Herausbildung bei. Der so genannte Modern Style erreichte dort einen Höhepunkt mit den Stoffentwürfen, die Arthur Liberty in seinem berühmten Londoner Geschäft (gegründet 1875) anbot, und den Illustrationen des vielseitig begabten Aubrey Beardsley, z. B. für die Zeitschrift The Yellow Book (1894) oder das Drama Salomé (1894) des englischen Schriftstellers Oscar Wilde. Durch jährlich stattfindende Ausstellungen der Arts and Crafts Exhibition Society, die seit 1888 abgehalten wurden, fand die neue Richtung rasche Verbreitung, während Einflüsse auf die europäische Kunst besonders von der Zeitschrift The Studio (gegründet 1893) ausgingen. In Schottland schlug sich der Jugendstil in der nüchterneren kunstgewerblichen Richtung der Glasgow School nieder, deren wichtigster Vertreter der Architekt Charles Rennie Mackintosh war. Seine Wohnhausbauten und der Dekorationsstil seiner Innenausstattungen wurden wegweisend für die Moderne.

Frankreich und Belgien

In Belgien fand die Stilrichtung besonders in Form programmatischer Bauten durch die Architekten Victor Horta und Henri van de Velde Verbreitung. Beide statteten ihre Hausentwürfe mit elegant geschwungenen Treppen, Balkonen und Toren aus Gusseisen aus. Besonders van de Velde wirkte mit seiner abstrakt-vegetabilen Ästhetik in vielen anderen europäischen Ländern weiter. Auch in Frankreich, wo sich der Jugendstil aus Gegenströmungen zum Impressionismus entwickelte, kam er sehr stark in der Architektur zum Ausdruck, in der Hector Guimard führend war. Unter dem Einfluss von Victor Horta prägte er einen eigenen Stil, der besonders in seinen exotischen Entwürfen für die Metro-Eingänge in Paris zum Ausdruck kam (1898-1901). Bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der dekorativen Kunst gelangen den Glaskünstlern Emile Gallé und René Lalique, dem Möbeldesigner Louis Majorelle und dem Plakatkünstler Alphonse Mucha sowie Henri de Toulouse-Lautrec, dessen Theaterplakate schon damals sehr populär waren.

Deutschland

In Deutschland bildeten sich verschiedene Zentren des Jugendstils, ausgehend von München, wo 1892 die Secession gegründet wurde. Hier wirkten u. a. der Maler Franz von Stuck sowie die Architekten Peter Behrens, Richard Riemerschmid und August Endell, und der neue Stil drang in Form von Zeitschriftenillustrationen (wie z. B. im Simplicissimus) in die angewandte Kunst vor. In Darmstadt strebte die von Großherzog Ernst Ludwig auf der Mathildenhöhe gegründete Künstlerkolonie eine umfassende Erneuerung von Kunst und Kunsthandwerk an. Sie fand besonders in den von Josef Maria Olbrich und Peter Behrens errichteten Wohn- und Ateliergebäuden ihren Ausdruck.

Österreich

Das Zentrum des österreichischen Jugend- bzw. Secessionsstils war Wien, wo 1897 die Wiener Secession gegründet wurde. Federführend beteiligt waren der Maler Gustav Klimt, der Innenarchitekt und Maler Koloman Moser sowie die Architekten Otto Wagner und Josef Maria Olbrich, von denen letzterer auch das Secessionsgebäude entwarf. Moser gründetete zusammen mit dem Architekten und Kunstgewerbler Josef Hoffmann die Wiener Werkstätte, deren geometrisierende, raffinierte Entwürfe für Mode, Schmuck, Inneneinrichtung und Buchumschläge zu den Höhepunkten der Gebrauchskunst des Jugendstils zählen. Mit den noch unter seinem Einfluss entstandenen Architekturentwürfen von Otto Wagner und Adolf Loos wirkte der Secessionsstil weiter auf die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts.

Italien und Spanien, USA

In Italien wurde die Stilrichtung in Erinnerung an das von Arthur Liberty gegründete Geschäft, das für die Propagierung des Stils auf dem europäischen Festland von entscheidender Bedeutung gewesen war, auch Stile Liberty genannt. In den USA fand der Jugendstil besonders in Form von Plakaten Verbreitung. Einer seiner führenden Vertreter war der Kunsthandwerker, Juwelier und Maler Louis Comfort Tiffany, dessen preziöse Favrile-Glasvasen und Buntglas-Lampenschirme in allen Regenbogenfarben schillerten. In Spanien erfuhr der Jugendstil durch die Entwürfe von Antoni Gaudí in den Bereichen Architektur und dekorative Kunst durch ihre kühn geschwungenen Linien und organische Formgebung eine sehr persönliche Ausprägung (Palais und Park Güell und Casa Milá in Barcelona).

Um 1910 begann der Niedergang des Jugendstils, der in den zwanziger Jahren von der gepflegten Eleganz des Art déco abgelöst wurde.

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